1. Dezember 2008
TRUCE Magazine
Zürich
Stefan Jermann
MEET GOTTFRIED HELNWEIN
Stefan Jermann spricht mit Gottfried Helnwein
Truce Magazine
2008
My stomach churns; I’m feeling excited - not exactly nervous, but psyched. I’m driving along narrow lanes, through a bleak and lonely area, looking for a grand castle. Suddenly, just like in a fairy tale, there it is, looming majestically in front of me. I go through my questions one more time and imagine how Gottfried Helnwein might react to them. What shall I make of this man, who is deemed to be a huge fan of Donald Duck and yet creates such sombre images? Has he made his own Duckburg here, Helnweinburg, his own unique world – I am somewhat curious. Will he throw me in a dungeon until my questions ripen, or will he set the castle ghost on me - the one that has already flirted with Dita von Teese? I try to concentrate on the moment at hand, breathe – breathe slowly in and out, somehow it will turn out all right.
It’s a foggy, cloud-streaked afternoon in Waterford County, Ireland. I’m meeting a man who has spent a large part of his life on this island that is famously steeped in tradition. He’s called this place home for some while. Ireland has a long history of treating its artists, literary figures and musicians well. This Austrian, with his distinctive appearance, is an ambivalent character. Helnwein’s main theme was, and mostly continues to be, violence and abuse. It wasn’t simply a case of deciding one day to explore this dark realm – no – as they say: the theme chose him. Many of Gottfried Helnwein’s works convey something disturbing. They often have something about them that won’t leave you alone. At the same time his pictures radiate a sacrosanct beauty that at times is breathtaking.
His good friend and collector of his work, Sean Penn, once put it in a nutshell: “Well, the world is a haunted house and Helnwein, at times, is our tour guide through it.” And yes, despite all my qualms: I wasn’t locked in a dungeon and the castle’s ghost had no interest in me. After a few hours visiting this mystical castle, Gottfried and Renate Helnwein said a friendly goodbye. For a moment I imagined what it would be like to be lord of a castle myself. I step on the gas pedal and realise that I’m in my little hire car, and not a Rolls Royce. Pulled back into reality I drive away from the estate, glancing back for a moment and thinking to myself: what a world he lives in, what a man, what an inspiration!
Stefan Jerman
Stefan Jermann: Gerade aus Waterford kommend, wurde ich spontan von überdimensionalen Helnwein-Billboards, welche über die ganze Stadt verstreut sind, überrascht. Die Mädchen sehen alle sehr ähnlich aus, sind dies verschiedene Gesichter, oder handelt es sich hier um ein und dasselbe Mädchen?
Helnwein: Nein, das sind verschiedene Kinder. Die Installation heisst ‚The Last Child’, und erstreckt sich über ganz Waterford City. Das grösste Bild ist auf der 'Old Flour Mill' platziert, - ein weisses, 24 x 35 meter grosses Kindergesicht mit weit aufgerissenen Augen.
Sie beschäftigen sich ja schon lange mit dem Thema Missbrauch, Schmerz und Gewalt – trotzdem wirken diese Bilder auf den ersten Blick sanft, teilweise auch verträumt; der Schmerz wurde mir beim erstmaligen Anschauen nicht direkt bewusst und es wird sehr subtil transportiert – was ist eigentlich die Message, die Sie versuchen dem Betrachter zu vermitteln?
Helnwein: Im Grunde ist dies der rote Faden der sich seit 1970 durch mein Werk zieht. Ich glaube, dass alle Arbeiten eines Künstlers im Grunde immer nur um ein einziges zentrales Anliegen oder Motiv kreisen. Und jedes Werk so etwas wie ein neuer, mehr oder weniger erfolgreicher Versuch ist, sich diesem Grundthema zu nähern, es sichtbar zu machen, zu fassen, zu formulieren, obwohl es im Prinzip immateriell, und daher nicht fassbar ist, und keine Form hat.
Ich habe mich sehr früh mit dem Thema Gewalt beschäftigt, vor allem mit der Gewalt gegen Kinder.
Ich habe im Zuge meiner Recherchen Gerichtmedizinische Fotos von Kindern gesehen, die erschlagen oder zu Tode gefoltert wurden, - meistens von nahen Angehörigen. Die Zahl der Kinder, die jährlich so aus dem Leben scheiden, ist sehr hoch. Das sind Bilder die man nicht so leicht vergisst. In den 60er und 70er Jahren wurde dieses Thema von den Medien überhaupt nicht thematisiert.
Meine ersten blassen Aquarelle von bandagierten und verwundeten Kindern haben haben damals in Österreich für grosse Aufregung gesorgt, Bilder wurden mit Stickers beklebt, auf denen "Entartete Kunst" stand, Ausstellungen wurden abgebrochen, und einmal wurden meine Arbeiten im Auftrag eines Bürgermeisters in einer Galerie durch die Polizei beschlagnahmt.
Wieso wurden diese Kinder denn von ihren eigenen Eltern getötet, war dies eine Nachkriegserscheinung...?
Helnwein: Gewalt gegen Schwächere und Wehrlose ist so alt wie die Menschheit. Es gibt im Moment weltweit wahrscheinlich mehr Sklaven als zu der Zeit, als Sklaverei noch legal war.
Als Österreich durch den 'Fall Fritzl' plötzlich wieder zum Welt-Thema wurde, haben Ausländische Medien über die 'Dunkle Seite' Österreichs spekuliert, und einige haben sich plötzlich daran erinnert, dass dieser Aspekt in der österreichischen Kunst schon lange ein Thema ist, -in der Literatur wie in der Bildenden Kunst. Und es waren vor allem meine Bilder gewesen, die den Leuten dabei eingefallen sind. Das holzschnittartige Bild, das die internationalen Medien von Österreich zeichnen, sofern sie es überhaupt wahrnehmen, nervt manchmal. Als ich z.B. in Amerika vor Jahren auf meine Herkunft angesprochen werde, fiel den Leuten sofort ein: "Ah -Waldheim!", später: "Ah - Haider!", dann war es "Fritzl!" und jetzt wieder "Haider!". Wenn es nicht Arnold gäbe, wäre Österreich PR-mässig nur in der Scheissgasse.
Aber wieso hatten Sie sich zu einer Zeit, als dieses Thema noch tabu war, damit so intensiv zu beschäftigen begonnen.
Helnwein: Wahrscheinlich leide ich an einer Art Gerechtigkeitswahn. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie jemand Spass daran haben kann, Gewalt gegen ein Lebewesen auszuüben, das völlig wehrlos ist. Die ersten, damals noch spärlichen Informationen über den Holocaust waren der Auslöser. Ich habe alles in mich aufgesogen, was ich darüber erfahren konnte, und als ich sah, wie sadistische KZ-Wärter und Mörder freigesprochen wurde, da blieb die Zeit für mich stehen.
Mir wurde plötzlich bewusst, dass all diese biederen Spiesser um mich herum noch vor ein paar Jahren am grössten Massenmord der Geschichte beteiligt waren. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr als Teil dieser Gesellschaft. Ich glaube niemals in der Geschichte gab es einen so radikalen Bruch zwischen zwei Generationen. In den 60 Jahren rebellierte die ja Jugend überall auf der Welt gegen ihre Elterngeneration, mit der sie sich nicht mehr identifizieren wollte.
Damals habe ich auch begonnen mich mit der Geschichte der katholischen Kirche zu beschäftigen
Wurden Sie streng katholisch erzogen?
Helnwein: Ich habe einen grossen Teil meiner Kindheit im Weihrauchnebel kalter Kirchenschiffe verbracht, umgeben von sich in Ektase windenden, blutüberströmten Märtyrern, flammenden, dornenumwundenen Herzen, Kreuzen, Folterwerkzeugen, heiligen Wundmalen und sterbenden, verzückt gen Himmel blickenden Jungfrauen. Dieser Biblia pauperum- Comic, die gespemstisch zuckenden roten Lämpchen, das lateinische Gemurmel der Priester und das monotone Raunen von Litaneien und Rosenkränzen, die mumifizierten Leichname in verblichenm Brokat hinter halbblinden Scheiben und die, von Glockengeläut begleiteten, Hochämter und Prozessionen haben sich tief in meine kindliche Seele eingegraben. Das Christentum ist die erste Religion, die den Schmerz, das Bluten und das Sterben ins Zentrum ihrer Spiritualität gestellt hat. Zum ersten Mal wird hier das Göttliche nicht nur mit Triumph und cosmischer Allmacht verbunden sondern mit menschlicher Erbärmlichkeit, Qual, Angst, Erniedrigung, Leid, Versagen, Ausgeliefertsein und Sterben. Das Christentum hat die Geschichte, Kunst und Kultur der letzten 2000 Jahre geprägt, wie keine andere Ideologie.
Ich bin aber schon sehr früh auf eine völlig andere, neue, grosse Kultur gestossen, die bei mir einen Culture-Shock ausgelöst hat: ich begegnete Donald Duck.
Wie alt waren Sie, als Donald Duck Sie quasi von diesem düsteren Weltbild erlöste?
Helnwein: Ich war ungefähr fünf Jahre alt, als ich zum erstem mal Entenhausener Boden betrat.
Wie war denn Ihre Beziehung zu Ihren Eltern als Kind?
Helnwein: Ich hatte immer das Geühl am falschen Ort gelandet zu sein. Ich kam mir vor wie ein Ausserirdischer, der auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden war. Das Wien der Nachkriegsjahre war aber auch ein dunkler und trauriger Ort. Die Erwachsenen erschienen mir hässlich, schwerfällig und grantig. Meine Eltern waren eigentlich liebenswerte Menschen, aber scheu und geduckt, eingezwängt in die Welt des Kleinbürgertums.
Ich nehme an, weil Sie sich nicht entfalten konnten, keinen Freiraum hatten... ?
Helnwein: Es war eine Welt nach zwei Weltuntergängen: Der Zusammenbruch der Monarchie, Aufstieg und Fall der Naziherrschaft, - zwei verlorene Weltkriege. Vom Österreichisch-ungarischen Empire der Habsburger war nur die Hauptstadt übergeblieben, mit ein bisschen Land rundherum, vom Rest der Welt durch den Eisernen Vorhang teilweise abgeschnitten. Zwar waren wir nun offiziell ein freies demokratisches Land, aber der Geist der Vergangenheit liess sich nicht so leicht abschütteln. Natürlich waren die Regierung, das Justizsystem und die Bürokratie voll mit alten Nazis. Und das spürte man.
Ich möchte nochmals Ihre aktuelle Ausstellung in Waterford ansprechen: Ich habe mich ein wenig gefragt, wieso die Kinder die sie einsetzen lediglich Mädchen sind, wieso setzen sie keine Jungs für Ihre Motivwahl ein?
Helnwein: Eigentlich meine ich immer einfach nur Kinder. Den Menschen als androgynes Wesen.
Mich interessiert die kurze Phase der Kindheit, wo der Mensch noch nicht gebrochen ist durch den Erziehungsprozess. Wo die Geschlechterproblematik noch nicht so eine grosse Rolle spielt, wo Kreation und Imagination grenzenlos scheinen, und die Welt der eigenen Phantasie realer ist als die sogenannte Realität.
Ich beschäftige mich mit der Verletzlichkeit und der sogenannten Unschuld. Ich bin immer auf der Suche nach dem idealen Modell, wobei das Aussehen nicht so eine grosse Rolle spielt, es ist diese schwer zu beschreibende immaterielle Qualität, den Ausdruck, den man früher als "unirdisch" bezeichnet hat, die Ausstrahlung oder Aura die man nur mehr bei ganz wenigen Kindern findet. Und meistens sind es Mädchen in einem bestimmten Alter, die so wirken als seien sie nicht aus Fleisch und Blut sondern Erscheinungen aus einer anderen feinstofflicheren Welt.
Was denken Sie denn ist die Wahrnehmung der Passanten in Waterford, welche die zum Teil blutüberströmten Portraits zu sehen bekommen: was denken Sie geht in diesen Köpfen vor?
Helnwein:Ich glaube es herrscht grosse Aufregung in dieser kleinen Stadt. Viele rufen im Rathaus an oder beim Rundfunk. Einige sind begeistert von der Installation, andere regen sich auf, aber ich bin erstaunt, wie respektvoll und fair die Kritiken sind. Aber so kenne ich Irland, seit ich hier lebe: Es ist das toleranteste Land das ich kenne.
Aber die Iren verfügen auch über eine gewisse Portion Patriotismus oder hat dies vorwiegend mit der ‚Kulturerhaltung’ zu tun?
Helnwein: Die Iren haben in ihrer Geschichte niemals einen Angriffskrieg geführt, sind aber immer wieder von Invasoren überrannt worden. 700 Jahre war Irland von den Engländern besetzt, und die Menschen wurden wie Sklaven behandelt. Sie durften kein Land besitzen, man hat ihnen ihre eigene Sprache verboten und im 19ten Jahrhundert wurde die Bevölkerung in den grossen Hungersnöten auf die Hälfte reduziert. Trotzdem ist es nie gelungen, die Iren zu brechen.
Durch ihre Musik und Dichtung hat sich die irische identität durch alle Zeiten erhalten.
Diese grossformatigen Bildtafeln mit meinen Kinderdarstellungen, die über die ganze Stadt verstreut sind, sind vielleicht auch eine Art Invasion, die eine gewisse Herausforderung für die Menschen hier darstellt.
Haben Sie vielleicht nicht einen kleinen Skandal erwartet – auch in Bezug, dass jetzt ein Fremder, ein Oesterreicher den Iren zeigen will wie die Welt funktioniert?
Helnwein: Irland ist das einzige Land, das ich kenne, wo es keinen Fremdenhass gibt. In den letzten Jahren sind viele Fremde hierhergezogen, aus Asien und Afrika und allein aus Polen etwa 150 000 Menschen, die hier Arbeit suchen. Ich habe bis jetzt nie gehört, dass irgendjemand ein Problem damit gehabt hätte. Als wir vor ca 12 Jahren hierherkamen, hatte ich das erste mal in meinem Leben das Gefühl von Heimat.
Ihre Billboards sind in der ganzen Stadt zerstreut und sie haben praktisch schon fast eine werberische Aesthetik – man weiss nicht genau was es bedeuten soll, da auch kein Text beigefügt ist. Nun, Werber wollen verkaufen – was ist Ihre Absicht, wollen Sie Denkanstösse geben...?
Helnwein: Das ist genau der Punkt. Die Leute wissen vorerst nicht was diese Bilder sollen. Es werden keine Erklärungen und Lösungen angeboten, wie wir sie durch Werbung gewohnt sind. Die Leute müssen Ihre eigenen Antworten auf diese Bilder finden.
Für mich ist Kunst ein Dialog. Und wie Marcel Duchamp in seiner Definition von Kunst sagt, sind diese beiden Pole, - Künstler und Betrachter, notwendig, um so etwas wie Elektrizität zu erzeugen. Genau dies passiert jetzt hier in Waterford, die Leute sind emotional betroffen, sie reden, sind begeistert oder regen sich auf und protestieren.
Ist das nicht genau, was Kunst soll?
Wie würden Sie sich denn selber beschreiben. Sie machen mir nicht gerade einen düsteren Eindruck, im Gegenteil. Braucht es eine gute Prise Humor, damit man sich überhaupt auf solch ‚dunkle’ Themen einlassen kann?
Helnwein: Ich hatte gar keine Wahl, ich habe mir meine Themen nicht ausgesucht, ich war von Anfang an mitten drin. Sie wurden mir durch meine Umwelt diktiert und die Kunst war für mich einfach der Versuch eines Befreiungsschlages. Sie ist eine Überlebensnotwendigkeit.
Auf Themen wie Schmerz, Verletzung und Tod in der Kunst reagieren die Menschen im Allgemeinen sehr empfindlich, aber als Unterhaltung - im Film oder in Video-games können sie gar nicht genug davon kriegen.
Kommen wir nochmals zurück zu Ihren Modellen. Wie funktioniert das genau wenn Sie eine ‚Session’ durchführen. Haben Sie vorher schon eine genaue Vision wie das Bild aussehen sollte und streckt sich dies über eine längere Zeit hin?
Helnwein: Das ist meistens ein Prozess über eine längere Zeit. Ich arbeite in der Regel in Zyklen.
Mit Kindern zu arbeiten, ist für mich sehr inspirierend. Ich lasse ihnen die grösstmögliche Freiheit und erkläre nicht viel. Ich verlasse mich auf die Intuition des jeweiligen Kindes. So eine Fotosession läuft meistens ab wie ein Spiel und was da entsteht, entwickle ich mit dem Kind gemeinsam. Einige Male hatte ich das Glück, Modelle zu finden, die über eine grosse Ausstrahlung und Reinheit verfügen. mit denen ich dann über mehrere Jahre zusammengearbeitet habe.
Eben habe ich wieder so ein Kind gefunden - hier in Waterford. Ihr Name ist Molly, sie ist das 34m hohe "Waterford-Child" auf der Mill. Ihr habe ich das Projekt "The last Child" gewidmet.
Gehen Sie selber auf die Strasse und fragen die Leute, resp. Die Kinder ob sie gerne Modell stehen möchten?
Helnwein: Ich schaue mich um, im Bekanntenkreis oder auf der Strasse, und dann kommen die Eltern mit ihren Kindern zu mir ins Atelier. In einer Probesession kann ich dann herausfinden, ob es funktioniert, oder nicht.
Speziell auf Ihre Serie ‚The Last Child’ angesprochen, finde ich, dass diese Mädchen alle etwas androgynes besitzen. Man kann teilweise nicht sagen, ob dies ein Junge oder ein Mädchen ist...
Helnwein: Das ist ja auch ganz unwesentlich. Als meine eigenen Kinder noch klein waren, habe ich sie häufig als Modelle verwendet, sofern sie Lust dazu hatten. Mein Sohn Ali war das ideale Modell. Er war von einer unglaublichen Schönheit und wurde, auch wegen seiner langen Haare, oft für ein Mädchen gehalten. Er sah aus wie ein Engel aus Alabaster. Und seine Geduld war unendlich.
Mein jüngster Sohn Amadeus hat sich geweigert, fotografieren zu werden, aber meine Tochter Mercedes war ein sehr gutes und interessantes Modell, mit einem grossen Talent für Drama und Pathos. H.C. Artmann hat einmal gesagt, sie sähe aus wie ein Rokoko-Figurinchen. Da war etwas dran, denn Sie war schon eine noble Dame als sie geboren wurde. Eines Tages verlangte sie: "Ich will auf einem Planeten leben, wo nur feine Damen wohnen!" Auf die Frage, was denn mit den Männer geschehen sollte, erwiderte sie: " Die sollen alle auf dem Schmutz-Planeten sein, und ich will, dass ständig ein Flugzeug um diesen Planeten kreist, und immer noch mehr Schmutz auf sie abwirft!"
Alle Ihre vier Kinder sind heute ebenfalls Künstler, inwiefern haben sie das gefördert?
Helnwein: Ich habe sie zum Teil meines Rachefeldzuges gemacht. Ich wollte mich für meine eigene Kindheit rächen, die so würdelos, langweilig und erbärmlich war, und vor allem aus schwachsinnigen Regeln, Verboten und Schuldgefühlen bestand. Ich habe mir schon als Kind geschworen, meinen Kindern die vollkommene Freiheit zu geben, selbst zu entscheiden. Auch ob sie z.B. in die Schule gehen wollten oder nicht.
Haben Sie denn Ihre Kinder völlig anti autoritär erzogen?
Helnwein: Nein - frei. Der Begriff "antiautoritär" stammt aus der neo-marxistischen Szene und der Hippiebewegung der 60er Jahre. Ich habe mich ja nie als Autorität gesehen sondern als Verbündeter. Um Kinder aufzuziehen, brauchen sie weder irgendeine Ideologie noch Psychologie, nur Liebe und Respekt. Lassen Sie dem Kind einfach seine Würde und gehen Sie eine Partnerschaft ein. Es ist wirklich ganz einfach.
Ich habe mir immer vorgestellt ich würde zusammen mit meinen Kindern als gesetzlose verschworene Bande durch die Lande ziehen. Ungefähr so ist es dann ja auch gekommen. Wir haben in den verschiedensten Teilen der Welt gelebt, alle meine Kinder sind Künstler geworden, haben unterschiedliche Staatsbürgerschaften und obwohl sie nun schon selbst Kinder haben, leben wir immer noch zusammen wie eine sizilianischen Grossfamilie.
Gut, aber ich nehme schon an, dass Ihre Kinder die Schule besuchen mussten...?
Helnwein: Ich habe ihne die Entscheidung selbst überlassen, zu meiner Verblüffung sind sie aber sehr gerne zur Schule gegangen.
Es gibt zahlreiche Berühmtheiten, welche Ihre Kunst intensiv sammeln. Ein sehr begeisterter Sammler ist Sean Penn, welcher ja auch einen Film über Sie gedreht hat. Inwiefern sind gute Beziehungen zu Celebrities in dieser Branche von Vorteil?
Helnwein: Es sind meistens Künstler mit denen ich befreundet bin. Vor allem Künstler, deren Werk mich interessiert. Eigenartiger Weise sind es vor allem Schriftsteller, Leute die mit dem Theater zu tun haben oder Musiker, wo ich eine bestimmte Nähe und Vertrautheit empfinde, wo sich Freunschaften entwickelt haben. Maler kenne ich nicht so viele.
Wie lange sind denn die Wartezeiten für einen Helnwein?
Helnwein: Es dauert eigentlich immer länger als geplant. Ich habe eine lange Liste mit Leuten, die Gottseidank ausreichend über die Tugend der Geduld verfügen.
The last Child
digital print, 2008
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