1. September 1994
DuMont, Buchverlag, Köln
Gregory Fuller
ENDZEITSTIMMUNG - DÜSTERE BILDER IN GOLDENER ZEIT
Das Gewaltthema und das Thema "der als Opfer" setzten sich von Beckmanns früher Arbeit von 1907 bis zum heutigen Tag fort. Bei Bruce Naumann, Marcel Odenbach, Jeff Wall und Gottfried Helnwein wandeln sich zwar die künstlerischen Mittel radikal, nicht aber das Thema selbst. Helnweins faszinierendes Oeuvre umfaßt absolute Gegensätze. Helnwein ist ein Künstler der kompromißlosen Aussagen: Das Triviale, etwa der Disneykultur, wechselt ab mit Untergangsvisionen der Seele, die Göttlichkeit des Kindes kontrastiert mit Horrorbildern von Kinderschändung. Sein Grundthema aber bleibt die Gewalt, das physische und seelische Leid, das ein Mensch dem anderen zufügt. Der Künstler variiert dieses Thema innerhalb zweier Komplexe, die sich über viele Jahre hin durch sein Werk ziehen.
Bei Chris Burden schlägt die Aggression um in den selbstzugefügten Schmerz. Bei Kiki Smith ist die Frau das Opfer der Erniedrigung und Beleidigung. Überhaupt drückt sich in der Body-Art der frühen neunziger Jahre eine Art toter Körperlichkeit aus. Auch der Leichnam bestätigt die Körperlichkeit des Menschen. Bei Jürgen Brodwolf erinnern die Körper an Mumien, bei Smith an ausgelaugte Objekte, bei Sindy Sherman an sexuell mutierte, zerstückelte Schaufensterpuppen, bei Steven Hudson an aus dem Paradies Verstoßene. Der menschliche Körper wird in der Kunst unseres Fin de siècle als unterworfenes und gedemütigtes Objekt gesehen.
GOTTFRIED HELNWEIN
1948 in Wien geboren, lebt heute in Deutschland. Frühere Aktionen der siebziger Jahre, bei denen er, Mitleid heischend, als Bandagierter auftrat, schienen dem Wiener Aktionismus nahezustehen. Helnweins Darstellung des menschlichen Leids gibt sich jedoch viel zu pointiert, ja viel zu sozialkritisch, als das man dem Künstler den Wiener Aktionismus zuordnen dürfte. Die für diesen Kreis typische Selbstdarstellung setzt Helnwein ein, um beinahe politische Aussagen zu machen, nicht um im Orgiastischen, im Narzißmus oder sogar im Mystizismus zu schwelgen.
Helnweins faszinierendes Oeuvre umfaßt absolute Gegensätze. Helnwein ist ein Künstler der kompromißlosen Aussagen: Das Triviale, etwa der Disneykultur, wechselt ab mit Untergangsvisionen der Seele, die Göttlichkeit des Kindes kontrastiert mit Horrorbildern von Kinderschändung. Sein Grundthema aber bleibt die Gewalt, das physische und seelische Leid, das ein Mensch dem anderen zufügt. Der Künstler variiert dieses Thema innerhalb zweier Komplexe, die sich über viele Jahre hin durch sein Werk ziehen.
Selbstportrait
polaroid, 1988, 70 x 52 cm / 27 x 20''
In einem zweiten Komplex tritt Helnwein seit den frühen siebziger Jahren mit Vehemenz für die Rechte des Kindes ein. Das Kind ist Helnweins Märtyrerfigur. Wie der Erwachsene wird auch das Kind der Gnadenlosigkeit der Mitmenschen unterworfen. Chirurgische Instrumente fesseln es, Narben ziehen sich über sein Gesicht - ein Motiv, das Helnwein seit den siebziger Jahren immer wieder aufgriff. Der Unmensch - der in den Kinderfotos und Kinderbildnissen immer unsichtbar bleibt - nimmt früh Besitz von der Kinderseele, macht sie gefügig und bricht sie. Der abwesende Gewalttäter verkündet seine Präsenz, in dem der Betrachter das Ergebnis der Unmenschlichkeit sieht. Keine helfende Hand, ebenso wenig für die Erwachsenen, regt sich. Kind und Erwachsener sind Metaphern für den Menschen, dem niemand beisteht. Einzig der Funke der Transzendenz und der Reinheit widersteht der Gewalt. Man findet ihn bei den Kindern, deren Kopf ein Strahlenkreuz umgibt wie einen Heiligenschein. Um so schwerer wiegen die Verbrechen, wenn sie an Wesen, die sich nicht wehren können, verübt werden: der Künstler als postmoderner Christus, das Kind in seiner ahnungslosen Göttlichkeit. Mit diesen beiden, in sich tausendfach abgewandelten Komplexen vermittelt der Künstler eine Botschaft, wie sie eindringlicher nicht sein könnte.
Eine ganz andere, ebenso erschütternde Kraft spricht aus vielen Fotoportraits Helnweins, meist von Persönlichkeiten im kulturellen Sektor. Gerade die Idole der Massen und der Medien tragen in sich die Zeichen des Verfalls. Warhols ungesunde, pickelübersäte Haut scheint, wächsern und beinahe durchsichtig, den Tod zu antizipieren. Lech Walesas feistes Gesicht strotzt vor Selbstzufriedenheit. Arno Breker lugt - mit Recht - mißtrauisch in die Kameralinse. Das Gesicht des Schriftstellers und notorischen Säufers Charles Bukowski ist nichts anderes als ein Schlachtfeld. Helnwein läßt in seinen Fotoportraits Prominenter eine mißlungene Parade der Eitelkeiten vorbeidefilieren; nicht um sensationalistisch zu entlarven, sondern um Erkenntnis und Selbsterkenntnis zu ermöglichen. In den Worten von William S. Burroughs: Er zeigt dem Betrachter "was er weiß, von dem er aber nicht weiß, daß er es weiß. Helnwein ist ein Meister dieses überraschten Erkennens".
Fire-Man
mixed media (oil and acrylic on canvas), 1991, 192 x 150 cm / 75 x 59''
Gregory Fuller
Gregory Fuller, 1948 in Chicago geboren, studierte in Tübingen und Marburg Philosophie, Kunstwissenschaft und Amerikanistik; Promotion 1975. Veröffentlichung zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten, vor allem auf dem Gebiet der Ästhetik. Zum Thema Endzeit publizierte er den literarischen Essay "Das Ende. Von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe", Zürich 1993. Bei Dumont erschien von ihm: "Kitsch-Art. Wie Kitsch zur Kunst wird" (DuMont-Taschenbücher, Band 287). Fuller arbeitet als Verlagsdirektor in Stuttgart.
ENDZEIT-STIMMUNG
Gregory Fuller, Du Mont, Cologne, 1994
Düstere Bilder in goldener Zeit
Das Gewaltthema und das Thema "der als Opfer" setzten sich von Beckmanns früher Arbeit von 1907 bis zum heutigen Tag fort. Bei Bruce Naumann, Marcel Odenbach, Jeff Wall und Gottfried Helnwein wandeln sich zwar die künstlerischen Mittel radikal, nicht aber das Thema selbst.




nach oben