13. Juni 2001
Der Tagesspiegel
Sybille Mahlke
Der Wüste lebt
Kleines Welttheater: Strawinskys Oper "The Rake's Progress" in Hamburg, illustriert von Helnwein.
Die Regie Jürgen Flimms fügt sich triftig in den Dialog zwischen kammermusikalischem Orchesterklang und Bühnenbild , weil Helnwein die Erzählung leitet. Fern vom schweren Musikdrama,nimmt die Inszinierung die Stilexkursionen Strawinskys und Audens auf, wenn im Bordell Rokoko-Damen auf Glatzköpfe in gepolstertem Blouson-Look treffen und die Chefin Mutter Goose ostinat auf dem Teufel reitet. In Helnweins Bildergeschichte macht sie ihrem Namen Ehre mit einem Donald Duck auf dem Kopf.
The Rake's Progress
2001
An der Hamburgischen Staatsoper hat Gottfried Helnwein Bühnenbild und Kostüme zu "The Rake's Progess" entworfen: Die Stilmittel des österreichischen Künstlers, das Grauen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart ("Lebensunwertes Leben", "Selektion") mit Pep und Pop ("American Madonna", Micky Mouse) zu verbinden, passen zu dieser Partitur aus Anziehung und Distanz. Der Fehler anderer Aufführungen - auch an der Deutschen Oper Berlin 1989 - die "Karriere eines Wüstlings" mit klein dimensionierter Nettigkeit auszustatten, unterläuft hier nicht.
Ingo Metzmacher am Pult einer Mozart-Besetzung des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg verteidigt das Prinzip zweite Hand, das aus erster Hand ist. Kristalline Klarheit für Strawinskys letztes Werk aus der neoklassizistischen Periode: Arioso, Menuett, Sarabande, ein Stück weit "Cosi fan tutte" begegnen einer intensiven Charakterisierung des szenischen Augenblicks.
Dem Teufel gehört als Leitinstrument das Cembalo. Dem 18. Jahrhundert verdankt sich auch die Anregung, die Strawinsky seinem Librettsten W.H. Auden, vermittelt hat: William Hogarth's "Rake" - Kupferstichserie, in der Glücksspiel und Spekulation gegeißelt werden wie der Größenwahn des Arbeitsscheuen, dessen Absteig über die Stationen Freudenhaus, Zweckheirat, Zwangsversteigerung uns Irrenhaus führt. "Auden faszinierte mich von Tag zu Tag mehr", hat der Musiker gesagt: Obwohl der Dichter und sein Co-Author Chester Kallman nur Einzelzüge der Vorlage direkt übernommen haben, scheint ihre passionsartige Überhöhung einen künstlerischen Grund schon bei Hogarth zu haben: Die Pieta-Ähnlichkeit der Gruppe um den schlummernden Tom in der Irrenanstalt. Ein Thema auch für Helnwein: Die verbundenen Häupter der wie gefesselt stehenden Menschen, etwa in der Anordnung seiner Skulpturen-Installation "White Christmas", dazu der Kindmann Tom, der sich nun Adonis dünkt, als Rauschgoldengel verkleidetm id den Armen seiner Anne, der Aufseher mit "Keeper"-Mütze. Das Haar der treuen Braut, einer Solveig-Fugur, ist Weiß geworden, und ihr Samtmantel gleicht dem der Madonna.
Die Regie Jürgen Flimms fügt sich triftig in den Dialog zwischen kammermusikalischem Orchesterklang und Bühnenbild, weil Helnwein die Erzählung leitet. Fern vom schweren Musikdrama, nimmt die Inszenierung die Stilexkursionen Strawinskys und Audens auf, wenn im Bordell Rokoko-Damen auf Glatzköpfe in gepolstertem Blouson-Look treffen und in die Chefin Mutter Goose ostinat auf dem Teufel reitet. In Helnweins Bildergeschichte macht sie ihrem Namen Ehre mit einem Donald Duck auf dem Kopf. In Synchrongestik unterstreicht Flimm den antiillusionistischen Kunstcharakter. Und die bewegte Szene nimmt sich der Gefühle in Buchstabenform an: Im Goose-Etablissement regt "ANNE" Toms Kavatine "Love too frequently betrayed" an. Die Tulpen sind verblüht, und Vater Trulove steht traurig in der Tür, als die Verlassene sich aufmacht, Tom in London zu suchen. Autoschlangen schießen per Videoprojektion vorüber, und die bärtige "Türkenbaba", die der junge Mann aus Karrieregründen heiratet, gibt sich trivial Zähne putzend in ihrem exotischen Ambiente und redet Arien, bis Tom ihr den Mund verklebt.
Der Chor seinerseits schwingt Herzenchen, weil die Jahrmarktsfigur sich mit Anne verbündet und ihr ein grosser Abgang zukommt. Bevor der Teufel im Feuerzauber untergeht, fokusiert Flimm das Schicksal des Titelhelden in einem anrührendem Detail: der gleichmässigen Bewegung knienden Weinens. Als Tom debütiert Bruce Fowler mit leichtem, mühelosem Tenor, der Interpretation Metzmachers angemessen. Mit Carl Schultz (Trulove), Gabriele Rossmanith (Anne), Renate Spingler (Mother Goose) und Jürgen Sacher (Auktionator) ist das Hamburger Ensemble erfolgreich vertreten, ein wenig übertrumpft von David Pittsinger (Shadow) und vor allem Julia Juon (Baba the Turk). So präsentiert die Hamburgische Staatsoper ein kleines Welttheater um einen Lebensentwurf, der scheitern muss: Unterhaltung mit tieferer Bedeutung.




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