10. März 2006
Die Presse
Kultur&Medien / Ausstellung
Manisha Jothadi
Helnwein-Wer-hat-Donald-Duck-ermordet-
Helnwein: Wer hat Donald Duck ermordet?
Gottfried Helnwein. Das Linzer Lentos zeigt eine Auswahl des Hyperrealisten.
Helnwein hat es in Österreich wirklich nicht leicht. Dabei hat er bereits als Twen öffentlich Akzente gesetzt, die genau erfüllen, was wir von gesellschaftskritischer Kunst erwarten. "Aktion Sorgenkind" nannte er eine Performance, in der er 1972 ein kleines Mädchen mit einbandagiertem Kopf durch Wiens Straßen führte. Doch mit verdrängter und versteckter Gewalt, als deren Opfer Helnwein heute wie damals das Kind ausfindig macht, wollte man sich abseits der Medien, also im wirklichen Leben, nicht beschäftigen. Ein Leitmotiv Helnweins ist das menschliche Gesicht. Das von kultureller Zensur und Verdrängung modellierte Kind ist Gegenstand vieler Zeichnungen aus den 70ern. So zeigt "Der Eingriff" ein am Operationstisch festgeschnalltes Mädchen, durch dessen Mundhöhle ein Stahlrohr dringt. Berührend, nicht schockierend sind die späteren Bilder von Missgeburten in Formaldehyd. Berührend und schön auch jene von schlafenden Kindern.
Zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit Arbeiten Gottfried Helnweins 1985 in der Albertina ausgestellt wurden. Damals lasen heimische Kunstkritiker dem akademisch ausgebildeten Maler die Leviten. Offenbar unverzeihliche Spuren hatten seine Profil-Titelblätter im Gedächtnis vieler hinterlassen: etwa zum Thema Intelligenz-Manipulation der zwischen Erwachsenenhänden gequetschte Kinderkopf.
Anfang der 80er malte Helnwein Helden der Populärkultur. Wolfgang Bauer nannte die Porträts von Krankl, Lauda und Peter Alexander "Malerei für die Ewigkeit", die Kunstkritik sprach von "totaler Entgleisung". Die Trennung zwischen E und U hielt lange in Österreichs Kulturbetrieb. Erst seit die neue figurative Malerei international boomt, Fußballer und Mickeymäuse das Tafelbild betreten, dürfen wir das ebenfalls goutieren. Auch Startum und bildende Kunst wollen sich hier so gar nicht vertragen. Wenn Helnwein seinem Freund, dem Schockrocker Marilyn Manson, ein Fest ausrichtet und damit in den "Seitenblicken" landet, finden wir das total daneben.
Helnwein hat es in Österreich wirklich nicht leicht. Dabei hat er bereits als Twen öffentlich Akzente gesetzt, die genau erfüllen, was wir von gesellschaftskritischer Kunst erwarten. "Aktion Sorgenkind" nannte er eine Performance, in der er 1972 ein kleines Mädchen mit einbandagiertem Kopf durch Wiens Straßen führte. Doch mit verdrängter und versteckter Gewalt, als deren Opfer Helnwein heute wie damals das Kind ausfindig macht, wollte man sich abseits der Medien, also im wirklichen Leben, nicht beschäftigen. In der Kunst hatte erst vier Jahre davor Valie Export Peter Weibel Gassi geführt, 1965 hatte Günter Brus' "Wiener Spaziergang" das Ende des Wiener Aktionismus markiert - von dessen Existenz Helnwein, wie er sagt, erst Mitte der 70er erfuhr.
Ein Leitmotiv Helnweins ist das menschliche Gesicht. Das von kultureller Zensur und Verdrängung modellierte Kind ist Gegenstand vieler Zeichnungen aus den 70ern. So zeigt "Der Eingriff" ein am Operationstisch festgeschnalltes Mädchen, durch dessen Mundhöhle ein Stahlrohr dringt. Berührend, nicht schockierend sind die späteren Bilder von Missgeburten in Formaldehyd. Berührend und schön auch jene von schlafenden Kindern. Zwänge und Disziplinierung sind auch Thema in den fratzenhaften Selbstporträts mit verbundenem Kopf, von chirurgischen Haken verdeckten Augen, durch Wundklammern fixiertem Mund. Dass diese Bilder Schwarzkoglers Bandagen-Aktionen ähneln, schockierte Helnwein selbst: Erst Jahre später habe er von dieser formalen Verwandtschaft erfahren.
Für die "Anbetung der Heiligen Drei Könige" (1998) wurde ein Gruppenfoto von Nazisoldaten manipuliert: Nicht Adolf Hitler sitzt in deren Mitte, sondern Maria mit dem Jesuskind. Ganz im Sinne einer christlichen Ikonografie blickt es den Betrachter direkt an. Die Allianz von Heiligenverehrung und Führerkult: Ob das beim Publikum nicht auf Widerstand stoßen wird, bedenkt man das Echo auf die "25-Peaces"-Plakate, die Sex mit Politik vermischten?
Wenn Helnwein das Mordopfer aus einem Kriminalarchiv-Foto durch Donald Duck ersetzt oder Schockrocker Marylin Manson als Mickeymouse oder Mutter Gottes inszeniert, zeigt er, wie gut er das Bilderinventar unserer Kultur beherrscht und es versteht, ideelle Werte zu sezieren. Seine mitunter hyperrealistische Bildsprache mag man als plakativ empfinden. Doch wissen wir auch, dass Übertreibungen dem Leben besonders nahe kommen.


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