19. August 2007
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mit dem Nashorn bei Göring
Nicht nur Staatsgäste sind regelmäßig enttäuscht, wenn sie in das Büro des Bundesfinanzministers kommen: So viel Understatement sind sie nicht gewohnt. Ist wohl nur das Vorzimmer, denken sie dann. Deutschlandfahne? Fehlanzeige. "Es ist ein relativ schlichtes, nicht sehr großes Büro. Aber es ist funktional, und ich kann dort meine Arbeit machen", sagt Peer Steinbrück. An der Wand hängt ein Porträt von James Dean: "Boulevard of Broken Dreams" des Künstlers Gottfried Helnwein.
Nicht nur Staatsgäste sind regelmäßig enttäuscht, wenn sie in das Büro des Bundesfinanzministers kommen: So viel Understatement sind sie nicht gewohnt. Ist wohl nur das Vorzimmer, denken sie dann. Deutschlandfahne? Fehlanzeige. Münzsammlung? Auch nicht da. Dafür langweilige, dunkle Möbel auf einem mäuschengraublauen Teppich in einem Zimmer, das jeder gute Oberfinanzpräsident wegen Winzigkeit ausgeschlagen hätte. "Es ist ein relativ schlichtes, nicht sehr großes Büro. Aber es ist funktional, und ich kann dort meine Arbeit machen", sagt Peer Steinbrück. Auf dem Fensterbrett steht eines dieser Modellschiffe, die er - immerhin gebürtiger Hamburger - offensichtlich mag. An der Wand hängen zwei Gemälde von Klaus Kumrow, Nr. 5 und Nr. 8, Ohne Titel. Und ein Porträt von James Dean: "Boulevard of Broken Dreams" des Künstlers Gottfried Helnwein. Das wäre Peer Steinbrück wohl gerade recht - wenn die Leute meinten, er sei der Draufgänger im Kabinett. Auch das Nashorn auf dem Sideboard hat er hierher mitgebracht - und protzt: "Manche sagen, das sei ein Sinnbild für mein Temperament." Nur die Putzfrauen haben regelmäßig ihre Probleme mit der Gipskopie: In früheren Büros Steinbrücks, als er noch Landesminister war und später nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, haben sie immer mal wieder des Nashorns Schwanz abgebrochen und es dann peinlich berührt versteckt. Als ob Steinbrück das nicht merken würde! In auffälligem Kontrast zu seinem Zimmer steht das Haus drumherum: dieses riesige, frühere Reichsluftfahrtministerium Hermann Görings, errichtet von "Reichsschnellbaumeister" Ernst Sagebiel. Die langen Gänge, die unzähligen Safes hinter den Türen, das Aluminium der Flugzeuge an den Treppengeländern - alles noch da. Auch der Paternoster, den Günter Grass in seinem "Weiten Feld" mit dem Satz verewigte: "Noch unter jedem System hat er brav seinen Dienst geleistet." Denn als die Nazis vertrieben waren, kam die DDR: Wilhelm Pieck wurde hier im Oktober 1949 zum Staatspräsidenten gewählt, Ministerien zogen ein, auf der Straße demonstrierten am 17. Juni 1953 die Arbeiter, direkt dahinter wurde die Mauer gebaut. Als die fiel, kam die Treuhand, dann Hans Eichel und jetzt Peer Steinbrück. Der verzichtet auf den Paternoster, geht die Treppen rauf zu seinem Büro im vierten Stock. Da erwartet ihn das leise Geräusch der Klimaanlage, das in diesem Haus außer ihm nur die Staatssekretäre hören dürfen. Der Rest schwitzt. Und wenn er dann an den hellroten Gardinen vorbei aus dem Fenster schaut, sieht er gegenüber den Martin-Gropius-Bau: "Es gibt schlechtere Blicke in Berlin", sagt er. Und hat recht.




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