10. November 1998
Pressespiegel
www.datenschutz-berlin.de
Das Bundesverfassungsgerichtes gibt Gottfried Helnwein recht.
Erfolgreiche Klage des Künstlers
Pressestimmen zum Beschluß des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichtes, vom 10. November 1998 - 1 BvR 1531/96 -
Pressestimmen zum Urteil des Bundesverfassungsgerichtes:
PRIMA - Privacy Magazine
www.datenschutz-berlin.de (Ausgabe vom 30.12.1998)
Das Privacy Magazine "prima" wird vom Berliner Datenschutzbeauftragten zusammengestellt und herausgegeben. Die regelmäßigen - an Wochentagen täglichen - Ausgaben enthalten eine Übersicht von datenschutzrelevanten Berichten der (von uns) ausgewählten Berliner und überregionalen (deutschen) Presse.
Helnwein's Success in Court
Stuttgarter Nachrichten
30.12.1998
Not a "Clergyman of Scientology"
According to a decision by the Federal Constitutional Court ["Bundesverfassungsgericht"] Gottfried Helnwein (50), the painter, may no longer be described as a "clergyman of Scientology." In a decision published Tuesday in Karlsruhe, the First Senate of the highest German Court granted the Constitutionally-based complaint of the Austrian living in Germany in regards to the general character law, and reversed a decision by the OLG Frankfurt [Superior State Court] of June 20, 1996.
(translation from German)
Comment
Stuttgarter Zeitung
Politics
by Stefan Geiger
Once again, with a little less defamation of character. The Austrian artist Gottfried Helnwein was victorious in the Federal Constitutional Court against Scientology critics. The Federal Constitutional Court modified its opinion of freedom of expression - and limited it a little bit in favor of the character law.
(translation from German)
Karlsruhe unterstreicht das Persönlichkeitsrecht
Die Welt
30.12.1998
Karlsruhe. ­ Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat in einem am Dienstag veröffentlichten Beschluß seiner weit gefächerten Rechtssprechung zum Verhältnis zwischen öffentlichen Äußerungen, gedeckt vom Grundrecht der Meinungsfreiheit, und dem „Persönlichkeitsrecht" aus den Grundrechten der Menschenwürde (Grundgesetzartikel 1 und 2) eine neue Facette hinzugefügt.
In dem Beschluß des ersten Senats (Az 1 BvR 1531/96) wird der 'Richtigkeit' von Tatsachenbehauptungen, die ihrer Natur nach geeignet sind, das Ansehen einer Person herabzusetzen, ein gewisser Vorrang vor der Meinungsfreiheit eingeräumt,(Helnwein/Scientology).
Der Maler Gottfried Helnwein hat mit Verfassungsbeschwerde wegen Rufschädigung Erfolg
taz
0.12.1998
Der österreichische Maler Gottfried Helnwein darf nicht ohne weiteres als 'Geistlicher' der Scientology-Sekte bezeichnet werden. Dies entschied der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts ... Nun hat das Bundesverfassungsgericht ... auch grundsätzliche Ausführungen zum Schutz gegen Rufschädigungen gemacht. Es sei eine 'Verletzung des Persönlichkeitsrechts', wenn jemand einer Gruppe zugerechnet werde, der es gar nicht (mehr) angehöre.
Helnwein siegt in Karlsruhe. - Österreichischer Künstler wurde von Gericht rehabilitiert
Saarbrücker Zeitung
30.12.1998
Saarbrücken (gf). Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein, der vor vier Jahren im Saarland einen Exklusiv-Vertrieb für Bilder einrichten und das KZ-Gelände "Neue Bremm" neu gestalten wollte, hat vor dem Bundesverfassungsgericht einen Erfolg errungen. Damit hoben sie ein Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt von 1996 auf.
Karlsruhe untersagt Bezeichnung des Malers Helnwein als "Sekten-Geistlicher"
Kölner Stadt-Anzeiger
30.12.1998
Der österreichische Maler Gottfried Helnwein darf nicht ohne weiteres als "Geistlicher" der Scientology-Sekte bezeichnet werden. Dies entschied der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts in einem gestern bekanntgemachten Beschluß. Eine Verfassungsbeschwerde des Malers hatte damit Erfolg.
Nun hat das Bundesverfassungsgericht ein Urteil des Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt/Main aufgehoben und dabei auch grundsätzliche Ausführungen zum Schutz gegen Rufschädigungen gemacht.
Erfolgreiche Klage des Künstlers Helnwein
Frankfurter Allgemeine Zeitung
30.12.1998
Urteil aus Karlsruhe / Erfolgreiche Klage des Künstlers Helnwein ... Wer mit Scientology in Verbindung gebracht werde, müsse die Möglichkeit haben, vor Gericht seine Abkehr von der Organisation zu beweisen, 'die in der Gesellschaft äußerst umstritten ist und des öfteren Gegenstand staatlicher Warnungen und kritischer Presseberichte war', befand der Erste Senat ... Das gebiete das allgemeine Persönlichkeitsrecht. ... In der Entscheidung wird erstmals anerkannt, daß das allgemeine Persönlichkeitsrecht den einzelnen davor schützt, fälschlich eine Gruppe zugeschrieben zu werden, sofern eine solche Zuschreibung in der Öffentlichkeit sein kann.
Das BVG gab Verfassungsbeschwerde Gottfried Helnweins statt
Berliner Zeitung
30.12.1998
KARLSRUHE. Der Maler und Grafiker Gottfried Helnwein (50) darf nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nicht mehr "Geistlicher der Scientology" genannt werden. Mit diesem am Dienstag in Karlsruhe veröffentlichten Beschluß gab das höchste deutsche Gericht einer Verfassungsbeschwerde des bei Bonn lebenden Künstlers statt, der seine Persönlichkeitsrechte durch Äußerungen von Kritikern verletzt sah.
Maler Helnwein klagt erfolgreich
Berliner Morgenpost
30.12.1998
Karlsruhe - Der Maler und Graphiker Gottfried Helnwein darf nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nicht länger als "Geistlicher der Scientology" bezeichnet werden. Der Erste Senat des höchsten deutschen Gerichts hob damit ein anderslautendes Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt auf.
Weitere Pressestimmen zu diesem Thema:
Staatssekretär will Ausstellung des Malers Helnwein in Ingolstadt verhindern.
Süddeutsche Zeitung
Hans Holzhaider
30.01.1997
Innenministerium kündigt an: Neue Tabuzonen für Scientologen.
München/Ingolstadt - Die Staatsregierung will alle bayerischen Kommunen auffordern, keine Zuschüsse für Veranstaltungen zu geben, mit denen" eine Werbung für die Scientology-Organisation verbunden ist“. Eine entsprechende Empfehlung wird derzeit im bayerischen Innenministerium vorbereitet. Darin heißt es, eine "Werbung“ sei " schon dann anzunehmen, wenn international bekannte Persönlichkeiten, die sich offen zur Scientology-Organisation bekennen, in Veranstaltungen auftreten“.
Erstes Opfer dieser Empfehlung könnte eine für April geplante Ausstellung des Kunstvereins Ingolstadt mit Arbeiten des Wiener Malers umd Photographen Gottfried Helnwein werden. Innenstaatssekretär Hermann Regensburger, der auch für die CSU im Ingolstädter Stadtrat sitzt, bezeichnet Helnwein in einer Pressemitteilung als "international bekannten Scientologen“. Es sei
"unannehmbar“, wenn die Stadt diesem Künstler"durch die Zurverfügungstellung von Ausstellungsräumen und Unterstützung mit Steuermitteln eine Plattform bietet“, heißt es in der Mitteilung. Helnwein selbst wehrt sich seit Jahren gegen die Darstellung, er sei Scientologe.
Die Empfehlung an die Kommunen geht auf einen Kabinettsbeschluß vom August 1996 zurück, der von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt blieb. Veranstaltungen, bei denen Scientology-Angehörige mitwirkten, seien "jegliche staatliche Unterstützung und Förderung zu verweigern bzw. zu entziehen“, hieß es darin. Kultusminister Hans Zehetmair hatte sich diesem Beschluß dem Vernehmen nach vergeblich widersetzt. Vorausgegangen war eine Auseinandersetzung über einen Auftritt des Jazzpianisten Chick Corea im Frühjahr bei den Burghausener Jazztagen. Corea ist, im Gegensatz zu Helnwein, tatsächlich Scientologe. Der Landtagsabgeordnete (CSU) Markus Sackmann hatte deshalb gefordert, die staatlichen Zuschüsse für das Festival zu streichen. Das hatte Zehetmair unter Hinweis auf die Freiheit der Kunst verweigert. Im August mußte Zehetmair dann aber unter dem Druck von Ministerpräsident Edmund Stoiber und Innenminister Günther Beckstein klein beigeben. Zehetmairs Pressesprecher Toni Schmidt bestätigte, daß Chick Corea in Bayern bei einer staatlich geförderten Veranstaltung nicht mehr auftreten könne. Immerhin wurde die Empfehlung an die bayerischen Städte und Gemeinden aber dann insoweit abgemildert, als nun nicht mehr alle Scientology-Anhänger schlechthin aus öffentlich geförderten Veranstaltungen verbannt werden sollen, sondern nur noch solche, die sich "offen zu Scientology bekennen“.
Dies sei ein Tribut an die Kunstfreiheit, erklärte der persönliche Referent des Staatssekretärs Regensburger, Johannes Reile:"Wenn einer nach außen nicht als Scientologe in Erscheinung tritt, warum soll er dann nicht ausstellen oder Musik machen dürfen.“ Umso rätselhafter erscheint nun die Attacke Regensburgers gegen den international anerkannten Maler Helnwein.
Keine peinliche Befragung
Regensburger beruft sich mit seiner Darstellung, Helnwein sei "bekennender Scientologe", ausschließlich auf Pressemeldungen, wonach die Scientology-Organisation selbst Helnwein als Mitglied reklamiert und behauptet habe, Helnwein habe amerikanischen Kongreßmitgliedern über die Diskriminierungen berichtet, denen er als Scientologe in Deutschland ausgesetzt sei. Helnwein selbst bestreitet das. Der SZ sagte er, er habe diese Darstellung in einem Brief an das Bundesverfassungsgericht richtiggestellt. Im übrigen werde er aber selbst nicht für die Ausstellung
in Ingolstadt auf die Barrikaden gehen: "Ich kämpfe seit sieben Jahren und habe gemerkt, es bringt nichts.“ Sein einziger Wunsch an den bayerischen Innenminister Beckstein: "ch hätte es gerne schriftlich, daß ich in Bayern nicht ausstellen darf.“
Der Kunstverein Ingolstadt hofft nach wie vor, daß die Ausstellung zustandekommt, ist allerdings vom Wohlwollen des Stadtrats abhängig. Die Ausstellung soll im sogenannten Exerzierhaus, einem von der Stadt angemieteten staatlichen Bauwerk, stattfinden; außerdem bekommt der Kunstverein von der Stadt einen jährlichen Zuschuß von rund 40 000 Mark, der im März neu bewilligt werden muß. "Uns geht es darum, Kunst zu zeigen“, sagt Peter Volkwein, Direktor des Museums für konkrete Kunst und Vorstandsmitglied im Kunstverein Ingolstadt. Einhellige Meinung im Vorstand sei es, "daß wir die Künstler, die wir ausstellen, nicht vorher nach ihren politischen oder religiösen Auffassungen befragen“. Auch ihm gegenüber, sagt Volkwein, habe Helnwein bestritten, Scientologe zu sein; er könne deshalb nicht nachvollziehen, warum mit der Ausstellung eine Werbung für die Sekte verbunden sein sollte.
Im übrigen, so Volkwein, dürfe man nach dieser Maxime wohl auch keinen Picasso mehr ausstellen: "Der war mal Mitglied in der Kommunistischen Partei Spaniens.“
Finstere Zeiten
Von Hans Holzhaider
Bitte melden: Gibt es irgendwo in Bayern ein Museum für bildende Kunst, gibt es irgendwo eine nicht kommerzielle Galerie, gibt es irgendwo ein Musikfestival, das ohne einen öffentlichen Zuschuß arbeiten kann? Nein? Dann kommt der Kabinettsbeschluß, daß Scientology-Angehörige in öffentlich geförderten Räumen oder Veranstaltungen nicht mehr auftreten oder ausstellen dürfen, einem Berufsverbot gleich. Daß ein Kommunist kein Lokomotivführer werden darf, hatten wir schon; irgendwie dachten wir, daß solche Absurditäten mit dem Ende des Kalten Krieges ein- für allemal vom Tisch wären. Leider ein Irrtum. Daß ein Jazzpianist, nur weil er Scientologe ist, in Bayern nicht mehr in die Tasten greifen darf, ist kulturpolitisch ein Rückfall ins Mittelalter. Welchem läppischen Aberglauben hängen die Herren Beckstein, Regensburger & Co. an? Glauben sie, daß Chick Corea seine Fans mit geheimen hypnotischen Botschaften zwischen den Akkorden zu willenlosen Opfern macht?
Um es kurz zu sagen: Ob ein Musiker, Maler, Filmschauspieler Kommunist, Freimaurer, Scientologe oder CSU-Mitglied ist, das hat die Regierung nicht zu interessieren. Wenn der Maler Gottfried Helnwein zehnmal Scientologe wäre, wäre das noch lange kein Grund, seine Bilder nicht auszustellen - es
sei denn, sie wären schlecht. Aber darüber wird in Bayern schon gar nicht mehr gestritten. Es wird schon hingenommen, daß einer seine Gesinnung offenlegen muß, ehe er sich ans Piano setzen oder seine Bilder in einem öffentlichen Raum aufhängen darf. Und ein Staatssekretär bekennt sich ohne Bedenken dazu, daß der Staat, wenn er Kultur fördert, auch deren Inhalt mitbestimmen darf.
Zitieren wir schnell noch einmal Bert Brecht, ehe er verboten wird: "Wahrlich, ich lebe in finsteren Zeiten.“
Vom Umgang mit Sekten oder: Wer bedroht die Demokratie?
World Socialist Web Site
Aktuelle Analysen : Deutschland : Demokratie
Der deutsche Staat und Scientology
Gastbeitrag von Alexander Boulerian, (Auszug)
6. Juli 1999
Hysterie statt Aufklärung
Scientology-Gegner wie die bereits erwähnte Sektenbeauftragte des Hamburger Senats Ursula Caberta sind seit Jahren bemüht, Scientology kriminelle Handlungen nachzuweisen - und den Nachweis bisher schuldig geblieben. Jedenfalls wurde nicht bekannt, daß die umfangreichen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen die Scientology-Kirche in Deutschland Hinweise für kriminelle Handlungen im Sinne des Strafrechts ergeben hätten. Was die Sektenbeauftragten mit ihrer Agitation dagegen erreicht haben, und hier waren sie in der Tat erfolgreich, ist ein Klima der Einschüchterung und Hysterie.
Zu den Opfern dieser Kampagne gehört u.a. der weltberühmte Jazzpianist Chick Corea. Obwohl ihn die Landesregierung Baden-Württemberg anläßlich der Leichtathletikweltmeisterschaften 1993 zu einer Konzertveranstaltung selbst eingeladen hatte, verweigerte sie ihm den Konzertauftritt und lud ihn wieder aus, nachdem bekannt wurde, daß Chick Corea Scientologe ist. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich auch bei der Europatournee Chick Coreas 1994.
Einer regelrechten Hexenjagd ausgesetzt war der Künstler Gottfried Helnwein. Obwohl sich Helnwein bereits mehrfach von Scientology distanzierte, geriet er immer wieder in die Schußlinie der selbsternannten Sektenjäger. So konnte im Sommer 1995 eine von Helnwein konzipierte und vom Kultusministerium Rheinland-Pfalz teilweise subventionierte Ausstellung zu Ehren des Comic-Zeichners Carl Barks erst über die Bühne gehen, nachdem sich "Sektenexperten" des Kultusministeriums, die Kultusministerin persönlich sowie ein Jurist im Rahmen einer Befragung von der tatsächlichen Distanz des Künstlers zu Scientology vergewissert hatten. Und nur weil er ein Buch des Scientology-Stifters Hubbard gelesen und positiv beurteilt hatte, wurde im Oktober 1995 einer der Stellvertreter des Cheftrainers der deutschen Fechtnationalmannschaft aus dem Team gefeuert und aufgefordert, das Fechter-Quartier zu verlassen. Erinnert sei schließlich auch noch an verschiedene Unternehmen, die - wie die Bierbrauerei Warsteiner - der Nähe zu Scientology bezichtigt, diesen rufschädigenden Verdacht erst mittels teurer PR- und Marketingkampagnen aus der Welt schaffen konnten.
"Sekte" - ein Kampfbegriff der Kirche
Die Amtskirchen genießen in Deutschland zahlreiche Privilegien (Einzug von Kirchensteuer durch den Staat, Subsidiaritätsprinzip, §166 StGb Gotteslästerung, Gültigkeit des Hitlerkonkordats von 1933). Von der Existenz einer Trennung von Kirche und Staat in der Bundesrepublik kann also nicht gesprochen werden. Diese bevorzugte Stellung der Amtskirchen erscheint ihren Repräsentanten und führenden Vertretern aus Politik und Medien als ein selbstverständliches Vorrecht. Kritiklos, als gehörte die Aufklärung einem längst "überwundenen" Zeitalter an, werden beim Kreuzzug gegen die "Sekten" Begriffe und Wertungen der etablierten Kirchen von Politik und Medien übernommen.
Die Folge ist eine selektive Rationalität bei der Beurteilung religiöser Praktiken und Inhalte. So wird etwa einerseits mit großem Eifer die Unwissenschaftlichkeit des von Scientology praktizierten "Auditing" angeprangert und der "Sekte" lautstark Betrug und Scharlatanerie vorgeworfen. Keinen Gedanken verschwenden die gleichen "aufgeklärten" Kritiker jedoch auf die Frage nach der versprochenen Effizienz des Betens, Beichtens oder des Abendmahls. Obwohl Erfahrung und Vernunft nicht weniger strapazierend als Hubbards Lehre von den "Operativen Thetanen" gelten die Lehren der etablierten Kirchen - von der Heiligen Dreifaltigkeit über die Jungfrauengeburt bis hin zur Himmelsfahrt - nicht als "verwirrend", "schädlich" oder "gefährlich". Ignoriert wird nicht nur, daß religiöse Inhalte kaum je der Überprüfung durch die Vernunft standhalten, sondern auch, daß das Bekenntnis zu ihnen die Privatangelegenheit jedes einzelnen ist. Gerade in diesem Punkt aber sind "Sekten" den Amtskirchen überlegen: Ihre Anhänger wurden nicht in unmündigem Alter ins Taufbecken getaucht, sondern haben in freier Wahl über ihre Religionszugehörigkeit entschieden.
Dies wollen die Amtskirchen vergessen machen, wenn sie die von ihnen bekämpfte religiöse Gemeinschaften als "Sekten" verketzern. Die Verwendung dieses uralten kirchlichen Kampfbegriffs macht die Stoßrichtung der gesamten Debatte deutlich. Das Wort "Sekte" leitet sich von sequi (Grundsätze, Gesamtheit von Grundsätzen, Schule, Lehre) ab, "Secta" bedeutete in der Antike nichts anderes als "Philosophenschule". Berühmteste "Sekte" der Antike waren die Pythagoräer. Gefährlich wurde das Wort Sekte für die mit ihm bezeichneten Personen, als das Christentum in Rom durch die Toleranzedikte Konstantins den anderen Religionen gleichgestellt und von Theodosius I. sogar zur alleinigen Staatsreligion erhoben wurde. Die Streitigkeiten innerhalb des Christentums wurden nun nicht mehr in Disputen, sondern durch die Hinrichtung der unterlegenen Fraktionen gelöst. Das Wort Sekte bezeichnete nun eine Organisation von Personen, die dem örtlichen Bischof nicht gehorchten und sich durch eine verbindliche religiöse Lehre und einen entsprechenden religiösen Kult auszeichneten. Die Enthauptung und später der Scheiterhaufen gehörten zu den Strafen, die für diese "Abtrünnigen" vorgesehen waren.
Zu den bekanntesten "Sekten", die von der mittlerweile etablierten Staatskirche verfolgt wurden, gehörten Arianer, Nestorianer, Manichäer und Katharer (von denen sich der Begriff "Ketzer" ableitet). Die Gesetze von Kaiser Theodosius gegen die Asketismus predigenden Manichäer, die den Verlust der staatsbürgerlichen Rechte, die Konfiskation der Güter und schließlich die Todesstrafe bzw. die Verbannung zur Folge hatten, wurden zum Vorbild für die spätere blutrünstige Inquisitionspraxis der Kirche. Zu ihren Opfern gehörten in der Folge potentiell alle, die mit der bestehenden Ordnung unzufrieden waren. "Jedem, der es wagte, die Ausschweifung, Käuflichkeit und Habgier der Geistlichkeit zu kritisieren; jedem, der irgendeinen Zweifel an der Wahrheit der religiösen Dogmen oder der kirchlichen Praxis äußerte - ihnen allen drohte nunmehr die Inquisition mit schonungslosem Gericht." (J.R. Grigulevic: Ketzer - Hexen -Inquisitoren)
Moderne Inquisitoren
Offenbar um Vergleichen mit den Ketzerverfolgungen früherer Jahrhunderte vorzubeugen, sprechen "Sektenexperten" mittlerweile denn auch offiziell nicht mehr von "Sekten", sondern von "religiösen Sondergemeinschaften" bzw. "destruktiven Kulten" oder "totalitären Gruppen", Begriffe, die zwar historisch weniger belastet, aber nicht minder despektierlich sind und in allen Fällen den Gedanken einer "Sonderbehandlung" dieser Gruppen explizit nahelegen. Auch wenn es heutzutage niemand mehr wagen würde, die physische Vernichtung von Andersgläubigen zu fordern, so zeigen die freimütigen Bekenntnisse der fast ausschließlich im kirchlichen Spektrum angesiedelten modernen "Sektenbeauftragen", daß der Vergleich mit der Inquisition nicht an den Haaren herbeigezogen ist.
"Verstehen wir unseren Glauben richtig, so haben wir kein Recht, den anderen in seinem Glauben zu lassen." Dieses Zitat stammt nicht etwa aus einem mittelalterlichen Inquisitionsleitfaden des Dominikanerordens, sondern aus der Feder von Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, 1991 verstorbener Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche Bayerns, der mit seinem unermüdlichen Vorgehen gegen religiöse Minderheiten als einer der Vorreiter der Anti-Sektenkampagne gelten kann. Von Haack ist auch die Äußerung aktenkundig: "Wenn Sie bei mir auf Inquisition tippen, liegen Sie richtig!" Auffällig ist ohnehin, daß die schärfsten und unerbittlichsten Verfolger von Scientology wie auch aller anderen "Sekten" aus dem evangelischen Lager kommen. Führende Repräsentanten sind Thomas Gandow, Pfarrer für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, und der Psychologe Dr. Hansjörg Hemminger, Referent an der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Tübingen, der Scientology im März 1996 in einem Aufsatz für das "Börsenblatt des deutschen Buchhandels" als ein "politisches Problem" bezeichnet hatte.
Stärker als die Katholische Kirche von Kirchenaustritten heimgesucht, sehen die Evangelischen Kirchen in den sogenannten "Sekten" ganz offensichtlich ein zentrales Problem für den Fortbestand ihrer eigenen Organisation.
Opfer der Sektenhysterie sind neben Scientology eine Reihe sehr verschiedenartiger Gruppen und Organisationen, wobei sich die Angriffe der Sektenjäger in den letzten Jahren auf die folgenden Gemeinschaften konzentrierten: Universelles Leben, Verein Psychologischer Menschenkenntnis (VPM) sowie die Zeugen Jehovas.
Allen genannten Organisationen - einschließlich Scientology - ist gemeinsam, daß sie, ohne die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung prinzipiell in Frage zu stellen, deutliche Kritik an einer Reihe von gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen äußern. Anders als etwa die Sannjasins (Bhagwan-Anhänger) der siebziger und frühen achtziger Jahre zeichnen sich diese Gemeinschaften durch ein Festhalten an ausgesprochen konservativen Wertvorstellungen aus. Beklagt wird etwa der Verlust verbindlicher moralischer Werte, der Bedeutungsverlust von Ehe und Familie, Drogenkonsum, Kriminalität etc. Mit ihrer Kritik am "religiösen und kulturellen Zerfall" der Gesellschaft treffen diese Gemeinschaften die Gedanken und Gefühle vieler - überwiegend kleinbürgerlich geprägter und unpolitischer - Menschen.
Zum politischen Problem wurden die "Sekten" allerdings erst, als auch die letzten Reste einer organisierten politischen Opposition verschwunden war, was ungefähr seit Mitte der 80er, spätestens jedoch seit Anfang der 90er Jahre der Fall ist. Daß die "Sekten" von den Regierenden tatsächlich als politisches Problem betrachtet werden, zeigt die Stoßrichtung der Vorwürfe und des Vorgehens insbesondere gegen die Scientology-Kirche. Die offizielle Kritik an den "Sekten", wie sie von Vertretern der Kirchen und der Parteien vorgebracht wird, konzentriert sich auf deren vom Staat unabhängige Organisations- und Befehlsstruktur, die als "totalitär" oder gar "faschistisch" denunziert wird.
Auffallend ist, daß sich die obengenannten, als besonders gefährlich geltenden Gemeinschaften nicht nur durch eine auffällige Intransigenz, sondern auch durch einen vermeintlich hohen Organisationsgrad auszeichnen. Erst ihre Organisiertheit und damit relative Unabhängigkeit von staatlicher Beeinflussung macht die "Sekten" in den Augen der Regierenden so gefährlich. Die Träger staatlicher und geistlicher Macht sehen in den "Sekten" nicht nur die religiöse Konkurrenz zu den Amtskirchen, die deren Vormachtanspruch gefährden. Mehr noch scheinen sie diese als Ausdruck einer gegen die herrschenden Verhältnisse gerichteten unversöhnlichen oppositionellen Gesinnung zu fürchten, die sich dem Zugriff des staatlichen Gewaltmonopols beharrlich und geschickt entzieht. Dieses irrationale, ja paranoide Moment scheint einer der entscheidende Gründe zu sein, weshalb sich die staatlichen Autoritäten bei der Verfolgung von Scientology und anderen "Sekten" so bereitwillig vor den Karren der christlichen Großkirchen spannen lassen. Der sich gegen die "Sekten" richtende staatliche Verfolgungseifer verrät ein tief sitzendes Mißtrauen der Herrschenden gegenüber der gesamten Bevölkerung, deren geheimste Gedanken und Wünsche man fürchtet!




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