Interviews
12. März 2005
Wilhelm Busch Museum Hannover
Andreas Maeckler
interview
„Mein Hauptwerk kann jetzt beginnen.“
Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler
Helnwein: Bei meiner ersten Ausstellung 1971 im Wiener Künstlerhaus waren eines Tages alle meine Bilder mit gelben Stickers überklebt, auf denen "Entartete Kunst" stand. Von da an wusste ich, dass ich immer Gegenwind haben würde. Es sieht so aus, als hätte ich den Finger immer wieder auf den richtigen Punkt gelegt, sonst wären so viele Emotionen, Aggressionen und die Aufregung als Reaktion auf meine Arbeiten gar nicht möglich. Das gemalte Bild selbst kann nicht der Grund gewesen sein, weil es ja eine Fiktion ist - zweidimensional, nur ein paar Milligramm Farbe auf Papier oder Leinwand - das ist alles, das tut nicht weh. Es ist nicht mein Bild, vor dem sich die Leute fürchten, sondern es sind ihre eigene Bilder in ihren Köpfen. Meine Arbeiten sprechen offensichtlich etwas an, das im Unterbewusstsein des Betrachters schon vorhanden ist. Wenn es mir gelingt, den Finger manchmal an die richtige Stelle zu legen, habe ich das Gefühl, meine Arbeit hat einen Sinn. Und der Tag, an dem mich die gesamte Spießergesellschaft umarmen würde, wäre der Tag, an dem ich meine künstlerische Arbeit beenden würde. Dann wüsste ich, ich habe etwas falsch gemacht.

In den siebziger und achtziger Jahren galt Gottfried Helnwein, 1948 in Wien geboren, als Shootingstar der deutschsprachigen Kunstszene. Sein Werk polarisierte.
1997 verließ er Deutschland und zog nach Irland und Los Angeles. Anlässlich der Ausstellung „Beautiful Children“ im Wilhelm-Busch-Museum Hannover sprach der Publizist Andreas Maeckler mit dem Künstler.
Andreas Maeckler:
Seit 1994 wieder die erste große Helnwein-Ausstellung in Deutschland. Was ist das für ein Gefühl: Comeback oder Rache?
Gottfried Helnwein:
Weder noch. - Ich komme ja nicht zurück und es gibt nichts, wofür ich mich rächen müsste.
Maeckler:
Ist es nicht auch um Ihre Gegner in Deutschland still geworden?
Helnwein:
Bei meiner ersten Ausstellung 1971 im Wiener Künstlerhaus waren eines Tages alle meine Bilder mit gelben Stickers überklebt, auf denen "Entartete Kunst" stand. Von da an wusste ich, dass ich immer Gegenwind haben würde. Es sieht so aus, als hätte ich den Finger immer wieder auf den richtigen Punkt gelegt, sonst wären so viele Emotionen, Aggressionen und die Aufregung als Reaktion auf meine Arbeiten gar nicht möglich. Das gemalte Bild selbst kann nicht der Grund gewesen sein, weil es ja eine Fiktion ist - zweidimensional, nur ein paar Milligramm Farbe auf Papier oder Leinwand - das ist alles, das tut nicht weh.
Es ist nicht mein Bild, vor dem sich die Leute fürchten, sondern es sind ihre eigene Bilder in ihren Köpfen. Meine Arbeiten sprechen offensichtlich etwas an, das im Unterbewusstsein des Betrachters schon vorhanden ist. Wenn es mir gelingt, den Finger manchmal an die richtige Stelle zu legen, habe ich das Gefühl, meine Arbeit hat einen Sinn.
Und der Tag, an dem mich die gesamte Spießergesellschaft umarmen würde, wäre der Tag, an dem ich meine künstlerische Arbeit beenden würde. Dann wüsste ich, ich habe etwas falsch gemacht.
Maeckler:
Sie glauben, diese Anerkennung wird nicht kommen?
Helnwein:
Wenn ich so weitermache, muss ich mir keine Sorgen machen. Ein Journalist hat einmal geschrieben: "Helnwein ist eine Art Allegorie der Umstrittenheit" - damit kann ich leben.
Maeckler:
Inzwischen umfasst Ihr Publikum alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Ich bin überrascht, im überfüllten Wilhelm-Busch-Museum (während der Vernissage) Mütter mit Babies zu sehen, und viele ältere Menschen.
Helnwein:
Marcel Duchamp hat gesagt: "Ein Kunstwerk basiert immer auf den zwei Polen des Betrachters und des Machers, und der Funke, der aus dieser bi-polaren Aktion kommt, lässt etwas neues entstehen - wie Elektrizität."
Ich habe meine Arbeit immer als einen Dialog verstanden und durch die Reaktionen auf meine Bilder habe ich eine Menge gelernt, sie sind ein wesentlicher Teil des Arbeits-Prozesses. Ich nehme mein Publikum ernst.
Ich denke, es gibt einen Test, den jedes Kunstwerk bestehen muss: ist es imstande, einen Menschen emotional zu berühren? Zu bewegen, zu inspirieren, zu faszinieren, aufzuregen, zu erstaunen oder zu verunsichern
- auch wenn er nicht Kunstgeschichte studiert hat und keinerlei theoretische Vorbildung hat?
Grosse Kunst funktioniert nicht über den Verstand. Sie hat die Kraft, in tiefere, unbewusste Bereiche einzudringen und dort etwas zu berühren, von dem man vorher vielleicht gar nicht wusste, dass es überhaupt existiert.
Maeckler:
Der Andrang im Wilhelm-Busch-Museum knüpft nach Jahren der Abstinenz in Deutschland wieder an Ihre alten Besucherrekorde an.
Helnwein:
Meine Ausstellungen haben immer auch Leute angezogen, die normaler Weise nicht ins Museum gehen.
In den USA hatte ich anfangs den Eindruck, dass Kunst, wie wir sie in unserem alten Europa noch vereinzelt erleben können, gar nicht mehr existiert. Die Zeitungen und das Fernsehen haben keinen Kulturteil mehr, dieser Bereich heisst jetzt "Entertainment", Kunst und Geschichte als Unterrichtsfächer sind aus den Schulen praktisch verschwunden.
Es sieht aus wie der endgültige Triumph einer neuen gigantischen Trash-Culture-Industrie, die alles unter sich begräbt. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob gemalte Bilder hier überhaupt noch eine Funktion haben würden.
Aber im letzten Jahr hatte ich eine Ausstellung im San Francisco Fine Arts Museum, und die Reaktionen darauf haben mich völlig überrascht. Es gab Museumsbesucher, die mich spontan umarmten und sich bei mir bedankten, manche hatten Tränen in den Augen, und viele sagten mir, wie wichtig es sei, dass diese Arbeiten gerade jetzt hier gezeigt würden. Es waren so viele spontane und emotionale Reaktionen, wie ich sie noch nie erlebt hatte.
Die Ausstellung wurde von 130, 000 Leuten besucht und der Kritiker des "San Francisco Chronicle" erklärte sie zur besten Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers im Jahr 2004.
Maeckler:
Also keine Träne Deutschland hinterher geweint?
Helnwein:
Vielleicht ist es ein Defekt, aber ich habe nie so etwas wie ein "Heimat"-Gefühl entwickelt. Ich bin im Wien der Nachkriegszeit geboren und ich kam mir vor wie eine Fehlgeburt in Formaldehyd. Ich war in meiner Kindheit sehr unsicher und verwirrt und wusste nur eines mit Sicherheit, dass ich in einer mir fremden Welt gelandet war, und dass ich da nicht sein wollte.
Irgendwann habe ich dann Wien verlassen und seitdem bin ich unterwegs.
Ich lasse mich irgenwo für eine zeitlang nieder und nach ein paar Jahren habe ich das Gefühl, ich muss weiter.
Deutschland war natürlich eine wichtige Station - meine Kinder sind da aufgewachsen und ich habe hier viele Menschen kennen gelernt, die für mich und meine Arbeit sehr wichtig waren, und mit denen mich auch heute noch eine tiefe Freundschaft verbindet.
(Auszug)




nach oben