Interviews
12. Mai 2006
Woman
Österreichs grösstes Frauen- und Lifestyle-Magazin
Der Engel des Malers
Renate Helnwein - Sie ist seit 29 Jahren die Ehefrau des Malergenies - WOMAN gab sie eines ihrer seltenen Interviews.
Woman: Wie wichtig ist das Land in dem man lebt? - Renate Helnwein: Wichtig für den Seelenfrieden. Mein Land ist Irland. Ich liebe das Land und die Menschen. Es ist das erste Mal, dass ich einen Ort als Heimat empfinde.
Amadeus, Gottfried, Renate Helnwein and Calvin
1997
Ireland
1997
Renate Helnwein. Sie ist seit 29 Jahren die Ehefrau des Malergenies- und er sieht sie als Himmelsgeschenk. WOMAN gab sie eines ihrer seltenen Interviews.
Ganz gerührt war er, als er während seines letzten Österreich-Besuches immer wieder auf der Strasse angesprochen und um Autogramme gebeten wurde. “Ich hab mich gefühlt wie der verlorene Sohn”, erzählt Gottfried Helnwein, 58, der anlässlich seiner Ausstellung im Lentos Museum in Linz (bis 5.6.) in der alten Heimat weilte. Ansonsten teilt das weltweit erfolgreiche Malergenie seine Zeit zwischen einem Schloss in Irland und einem Anwesen in L.A. Mit seiner Familie, für die man ruhig das Klischee vom Bilderbuch strapazieren kann: Vier erwachsene Kinder, Cyril, 29, Mercedes, 26, Ali, 24 und Amadeus, 19, gehören dazu und als Neuzugang Cyrils 5 Monate altes Töchterchen Croi. Vor allem aber Renate Helnwein, 53, die Family-“Oberhäuptin” und Frau an des Malers Seite.
Seit 29 Jahren führen der Wiener und die gebürtige Deutsche eine glückliche Ehe. Er bezeichnet sie als “Engel”, und sie will von ihm gelernt haben “groß zu denken”. Von der kleinen Weisheit, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau steht, hält sie allerdings wenig. “Mein Mann hätte es auch ohne mich geschafft”, meint sie bescheiden. Das er auch so ausgeglichen ware, ist zu bezweifeln, denn es scheint, als hätte ihm wirklich der Himmel diese Frau geschickt. WOMAN bat Renate Helnwein zum Exklusiv-talk.
Sind beste Freunde
Woman: Wie ist die Aufgabenverteilung im Hause Helnwein?
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Helwein: Ich mache alles Organisatorische, sodas Gottfried sich mehr auf seine künstlerische Arbeit konzentrieren kann. Es gibt keine ganz präzise Aufgabenverteilung, es hat sich alles ganz natürlich entwickelt. Wir können uns auf einander verlassen. Immerhin sind wir schon seit 29 Jahren ein Ehepaar und auch die besten Freunde.
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Woman: Hört er immer auf Sie?
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Helnwein: Das wäre ja entsetzlich! Zum Glück haben wir beide unseren eigenen Kopf- so bleibt das Leben spannend. Wir beraten einander in vielen Dingen, aber zum Schluss treffen wir unsere eigenen Entscheidungen.
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Woman: Was haben Sie von ihm gelernt?
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Helnwein: Ich habe von ihm gelernt: vor allem groß zu denken. Ich beobachte ihn gerne, wenn er ganz in seine Arbeit im Atelier vertieft ist und seine Ideen sich entfalten. Im Atelier macht es mir immer am meisten Spaß.
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Woman: Wie haben Sie einander kennengelernt?
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Helnwein: Das war 1975 in Wien. Ich war von einer monatelangen Reise aus Asien nach Deutschland zurück gekommen. Da sah ich in einem Magazin die Reproduktion eines Bildes von einem verletzten Kind. Das habe ich nicht mehr vergessen. Ich hatte vor meiner Asienreise drei Jahre als Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt gearbeitet. In dieser Zeit habe ich so viele menschenverachtende Behandlungen gesehen, Elektroschocktherapie, Insulinschocktherapie, Menschen die man einfach mit Psychopharmaka ruhig gestellt hat; klinische Versuche an Kindern, die nur als Klumpen Fleisch behandelt wurden. Als ich dieses frühe Bild von Gottfried sah, wusste ich, dass das ein Mensch gemalt haben muss, mit dem ich mich verstehen würde. Jemand, der unter die gesellschaftliche Tünche schaut. Da habe ich mich auf den Weg nach Wien gemacht.
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Woman: Einfach so?
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Helnwein: Ja. Ich habe das Telefonbuch aufgeschlagen und ihn angerufen. Wir haben einander getroffen, und bald half ich mit Ausstellungen zu organisieren. Eins ergab das andere – und 1977 haben wir geheiratet!
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Woman: Wie lebten Sie in Wien?
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Helnwein: 10 Jahre und sehr gerne. Diese Stadt ist einfach wunderschön! Die Museen, die Architektur, die Parks, das Angebot an Kultur und die Mehlspeisen! Unsere Kinder sind dort geboren – bis auf den Jüngsten. Ich habe auch noch ein paar sehr gute Freunde dort, die ich leider zu wenig sehe.
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Woman: Warum sind Sie 1985 eigentlich ausgewandert?
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Helnwein: Meinem Mann wurde es zu eng. Er wollte neue Eindrücke und Herausforderungen bekommen. Der Umgebungswechsel hat sich sehr fruchtbar auf seine Arbeit ausgewirkt. Er hat begonnen, mit neuen Medien zu experimentieren.
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Woman: Wie haben Sie die grosse Familie und Ihre Aufgaben als Künstlermanagerin immer unter einen Hut gebracht?
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Helnwein: Ich glaube je mehr Aufgaben man hat, desdo besser bewältigt man sie, vorausgesetzt, dass man sich diese Aufgaben selbst ausgesucht hat. Mehr Action ist für mich immer besser, als zu wenig Action. Mir gefällt das Konzept von einer Großfamilie wie in südlichen Ländern, mehr Kommunikation, mehr Leben, mehr Aktivitäten. Ich mache so viel, dass ich gar keine Zeit habe, Dinge zu verkomplizieren.
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Woman: Ist das auch Basis für eine glückliche Ehe?
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Helnwein: Da kommt aber noch mehr dazu: Ehrlichkeit und Offenheit, keine Lügen. Respekt, Freundschaft und gemeinsame Ziele. Aber auch eine grosse Portion Humor.
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Woman: Wie wichtig ist das Land in dem man lebt?
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Helnwein: Wichtig für den Seelenfrieden. Mein Land ist Irland. Ich liebe das Land und die Menschen. Es ist das erste Mal, dass ich einen Ort als Heimat empfinde.
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Woman: Was gefällt ihnen so gut?
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Helnwein: Alles. Ich gehe zweimal die Woche in mein Local Pub, tanze dort, bis mir der Schweiss runterrinnt, mit Bauern, Schafzüchtern oder Frauen, wenn nicht genügend Männer da sind. Das Pub ist die private Küche von Mary Malone, einer Witwe, die als 15-jähriges Mädchen als Buttermacherin in unserem Schloss gearbeitet hat und noch viele Geschichten erzählen kann. Jeder, der ins Half Way House kommt, spielt ein Instrument, singt, tanzt oder rezitiert Gedichte. Am Anfang wollten meine Pub-Freunde einfach nicht glauben, dass ich kein deutsches Lied singen kann. Inzwischen kenne ich viele irische Lieder und kann auch einige auf der Irischen Flöte spielen. Sonst gehe ich fast jeden Tag mit meinen Hunden spazieren, mache Ausflüge ans Meer, klettere über die Klippen und Wasserfälle. In Irland habe ich auch zu reiten begonnen. In dem Moment, wo ich auf dem Rücken eines Pferdes sitzen kann und durchs Land gallopiere, empfinde ich einen unbändigen Freiheitsrausch. Wahrscheinlich war ich einmal in einem früheren Leben eine wilde Mongolin.
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Woman: Und wenn die Mongolin einen Tag für sich hat …
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Helnwein: Verbummelt sie ihn mit Musikhören und Lesen in der Badewanne, bis das Wasser kalt wird. Am Abend geht’s ins Pub, und wenn Mary Malone uns alle rausschmeisst, stehe ich noch mindestens eine Stunde vor dem Lokal rum, um den Abend mit Witzen und Geschichten ausklingen zu lassen. Um 1 Uhr in der Früh fahr ich, beschwingt, aber nicht besoffen, nachhause, sinke ins warme Bett, wo mein Mann schläft. Wenn ich ihn umschlinge und er mir noch was von Enten vormurmelt, dann ist die Welt in Ordnung.
Kojii, Croí, Renate, Mercedes Helnwein in Los Angeles
2006




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