24. November 2005
Kurier
Wien
Tobias C. Führer
Interview
"Schockieren war nie eine Absicht"
"Ich wollte im Gegensatz zu allen Kollegen, die ich kenne, nie Künstler werden", erzählt Gottfried Helnwein. Eine Auswahl seiner Werke ist ab März in Linz zu sehen.
"Meine Arbeit war eigentlich immer ein Versuch mit dem, was auf mich einwirkt, zurecht zu kommen oder zu darauf zu reagieren und manchmal auch sich zu wehren oder zurückzuschlagen. Ich wollte einfach alles erleben und ausprobieren und habe mir auch eine große Reihe von Feinden gemacht. Ich habe nie in dem Sinn karrierestrategisch gedacht. Ich arbeite mit vielen verschiedenen Medien sehr eklektizistisch. Ich glaube, das ist die einzige Form, in der man als Künstler heutzutage mit so viel Information umgehen kann. Ich mache Fotografie, Malerei, Bühnenbilder, Videos. Jetzt arbeite ich mit Sean Penn an einem Filmprojekt. Diese Grenzüberschreitung ist für mich immer ganz wichtig gewesen. Für mich gibt es diese Barriere zwischen verschiedenen Medien oder Stilen nicht so sehr".
Linz - Das Linzer Kunstmuseum Lentos öffnet im März eine umfassende Werkschau von Gottfried Helnwein. Gezeigt werden an die 40 Werke des 1948 in Wien geborenen Künstlers, wobei sich das menschliche Gesicht als roter Faden durch die Ausstellung ziehen soll. Helnwein im Interview über die Ausstellung, Klischees, das Schockierenwollen und die Beschäftigung mit der Vergangenheit Österreichs:
Sie stellen 2006 im Lentos und damit rund 20 Jahre, nachdem Sie Ihre Heimat verlassen haben, erstmals in Österreich aus. Warum haben Sie so lange einen Bogen um das Land gemacht?
Helnwein:
Ich habe gar keinen Bogen gemacht, ich bin nur immer unterwegs. Ich hätte eigentlich schon früher vor hier weggehen sollen. Obwohl ich von der Kultur her total in dem Land verwurzelt bin und das auch nie loswerde und auch nicht will, weiß ich, ich musste immer weiter. Ich bin vielleicht ein unruhiger Geist. Jetzt bin ich in Irland und Los Angeles und habe das Gefühl, dass das gut funktioniert. Es ist auch so, dass ich Österreich aus der Distanz viel mehr wertschätzen kann.
Bleibt es bei der einen Ausstellung oder ist mehr in Österreich geplant? Ist das so eine Art Rückkehr, "Helnwein back to the roots"?
Ich habe überhaupt nichts geplant, auch die Ausstellung nicht. Die Direktorin Stella Rollig hat mich gefragt. Daraufhin habe ich mich mit dem Museum beschäftigt und es mir angesehen. Ich fand das einen aufregenden Ort mit einer toller Architektur und einem interessanten Programm. Und da sah ich eine gute Gelegenheit, in Österreich ein bisschen was von dem zu zeigen, was in den letzten 20 Jahren passiert ist. Zu meiner Überraschung erinnern sich Leute immer noch an mich, aber die meisten haben einfach irgendwelche Klischees aus den siebziger Jahren im Kopf.
Damals waren Sie als "Provokateur" verschrien. Mittlerweile arbeiten Sie mit so genannten Schockrockern wie Rammstein oder Marilyn Manson zusammen, die selber bereits zum Mainstream gehören. Können Sie auf diese Art und Weise noch schockieren oder wollen Sie das überhaupt noch?
Nein, Schockieren ist ja nie eine Absicht gewesen. Das wäre ein dümmlicher Beweggrund, irgendwas zu machen. Meine Arbeit war eigentlich immer ein Versuch mit dem, was auf mich einwirkt, zurecht zu kommen oder zu darauf zu reagieren und manchmal auch sich zu wehren oder zurückzuschlagen. Ich wollte einfach alles erleben und ausprobieren und habe mir auch eine große Reihe von Feinden gemacht. Ich habe nie in dem Sinn karrierestrategisch gedacht. Ich arbeite mit vielen verschiedenen Medien sehr eklektizistisch. Ich glaube, das ist die einzige Form, in der man als Künstler heutzutage mit so viel Information umgehen kann. Ich mache Fotografie, Malerei, Bühnenbilder, Videos. Jetzt arbeite ich mit Sean Penn an einem Filmprojekt. Diese Grenzüberschreitung ist für mich immer ganz wichtig gewesen. Für mich gibt es diese Barriere zwischen verschiedenen Medien oder Stilen nicht so sehr.
Sie haben einmal erklärt, dass sich das Thema Kindheit wie ein roter Faden durch Ihre Arbeit zieht...
Das war der Grund, warum ich überhaupt begonnen habe, zu malen oder auf die Akademie zu gehen. Ich wollte im Gegensatz zu allen Kollegen, die ich kenne, nie Künstler werden. Ich habe mir das als Kind oder Jugendlicher immer sehr fad vorgestellt, vor einer Staffelei zu stehen und irgendein abstraktes Bild zu malen. Dann habe ich plötzlich bemerkt, dass Kunst oder Ästhetik wahrscheinlich der einzig mögliche Weg ist, sich Gewalt und Schmerz und sozialen Fragen zu nähern. Zu Beginn habe ich verwundete und misshandelte Kinder gemalt. Das war zu einem Zeitpunkt, wo man sich mit dem Thema in der Öffentlichkeit und in den Medien noch gar nicht beschäftigt hat. Und dann habe ich bemerkt, dass diese kleinen Aquarelle große Aufregung ausgelöst haben und dass da irgendwas in Gang gekommen ist.
Was kann das Publikum von Ihrer Ausstellung in Linz erwarten?
Im Prinzip das, was alle erwarten können, wenn sie zu einer Ausstellung von mir gehen. Meine letzte Ausstellung in San Francisco war sehr erfolgreich. Da waren 130.000 Besucher. Es war überwältigend: Leute haben mich umarmt, andere hatten Tränen in den Augen. Es waren auch viele Jugendliche da. Da habe ich gemerkt, dass es doch möglich ist, mit Bildern noch heutzutage eine Wirkung zu erzielen und etwas zu bewegen oder zu berühren. Ich hoffe, dass meine Arbeiten auch hier eine emotionale Reaktion auslösen können.
Sie haben sich viel mit dem Holocaust und der Vergangenheit Österreichs beschäftigt. Das Land steht heuer - 60 Jahre nach Kriegsende - im Zeichen des Gedenkens...
Ja, immer schon. Ich habe bereits als Kind gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Aber ich konnte es nicht benennen, nicht den Finger drauflegen. Es hat nie jemand darüber geredet. Ich habe in der Schule nichts erfahren, das hat erst viel später eingesetzt. Ich habe ganz früh recherchiert und jeden Prozess gegen Kriegsverbrecher verfolgt. Ich habe verschiedene Installationen und eine Dokumentation dazu gemacht. Es ist sehr gut, dieses Thema zu analysieren und wach zu halten.
2006 wird das "Mozartjahr" gefeiert, Linz trägt 2009 den Titel "Europäische Kulturhauptstadt". Werden Sie sich in irgendeiner Form an diesen Großveranstaltungen beteiligen?
Ich hab keinerlei Pläne. Wenn mich jemand einlädt oder fragt, würde ich das Projekt aber als Vorschlag prüfen.
Helnwein in the studio
2004
Artikel vom 24.11.2005 apa (Tobias C. Führer)




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