1. Dezember 2008
Die Presse
Kultur, Kunst
Anna-Maria Wallner und Christian Gattringer
Interview mit Gottfried Helnwein
Maler Helnwein: „Wo immer ich bin, ist auch Österreich“
Gottfried Helnwein hat ein Wandgemälde an der Linken Wienzeile entworfen. Im Interview spricht er über die Qualitäten Wiens, seine mögliche Rückkehr und warum er eigentlich Ausländer in Österreich ist.
"Ich hab noch nie etwas im Zusammenhang mit der Klimaproblematik gemacht, aber das Thema liegt mir am Herzen. Ich lebe in L.A., wo die Luft so schlecht ist, dass man kaum atmen kann. Wenn ich dort mit dem Finger über meine Schreibtischplatte im Atelier fahre, ist meine Hand schwarz. Ich glaube dass wir derzeit nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ökologische Krise erleben, und ich denke es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen".
Der lange Atem
2008
Die Presse: Wie fühlt es sich an, wieder in Wien zu sein?
Helnwein: Gut, ich komme in letzter Zeit ja wieder öfter hierher.
Das heißt, Sie vermissen Wien?
Helnwein: Ein bisschen. Dort wo ich lebe, lebe ich gern. Ich habe ein Stück Heimat in Irland und ich bin gerne in Los Angeles. Aber: ich komme gern nach Wien zurück, immer mehr. Erst die räumliche und zeitliche Distanz von Wien hat mir die Möglichkeit gegeben, viele Qualitäten Österreichs zu sehen.
Was sind das für Qualitäten?
Helnwein: Österreich investiert z.B. mehr in die Kultur als jedes andere Land auf der Welt.
Das sehen die österreichischen Künstler sicher nicht so.
Helnwein: Das ist aber ein Faktum. Nehmen Sie die Zahl der Einwohner in diesem kleinen Land und die enormen Mittel, die für Kultur aufgebracht werden. Wenn man die Zahlen vergleicht, gibt es kein Land der Welt, das da mithalten kann. Und ich erlebe gerade die Situation Amerika unter dem Druck der Bankenkrise. Die L.A. Opera streicht gerade alle Neuproduktionen und es gibt ernsthafte Überlegungen das Museum of Contemporary Art in Los Angeles zu schliessen, weil die Sponsoren ausbleiben.
Aber ich weiß natürlich, dass man sich, wenn man in Österreich lebt, gerne über alles mögliche ärgert. Das hab ich auch gemacht. Weil man nah dran ist und sieht, was alles nicht so gut läuft.
Weshalb haben Sie Österreich in den 80er Jahren verlassen?
Helnwein: Es gab keinen bestimmten Anlass. Ich wollte immer schon weg. Als Jugendlicher habe ich Wien gehasst. In den 60er/70er Jahren war dies ein schrecklicher, dunkler Ort. Die Leute waren grantig und unfreundlich. Es war ein depressives Klima. Viele Künstler wollten weg.
Sie sind zuerst nach Deutschland, danach nach Irland. Warum gerade Irland? Das war damals auch nicht gerade der Quell der Lebensfreude. Ein ärmliches Land, dunkel, kalt.
Helnwein: Zuerst war ich vor allem in Amerika. Ich hatte ein Atelier in New York, seit 2000 bin ich in Los Angeles. Erst in Amerika habe ich gemerkt, wie sehr ich europäisch bin. Da wusste ich, um meine Balance zu behalten, musste ich eine Basis in Europa haben. Und so fand ich Irland, das in jeder Hinsicht der absolute Gegensatz zu der urbanen Dekadenz Amerikas ist.
Ein Heimatgefühl hatten Sie in Österreich nie?
Helnwein: Ich glaube, dass meine Generation in Deutschland und Österreich ein gebrochenes Verhältnis zum Thema Nation hat. Wer würde in Deutschland sagen: Ich bin stolz drauf, Deutscher zu sein? Dies ist übrigens ein Satz, den Neo-Nazis auf Ihren T-Shirts stehen haben. In Irland ist das anders. Die Leute sitzen im Pub, saufen sich an, dann umarmen sie irgendeinen Fremden und sagen: Isn't that the greatest country in the world?
Mit dem Wandbild für den Klima-und Energiefonds an der Wienzeile sind Sie erstmals seit langem wieder in Österreich künstlerisch tätig. Wieso haben Sie da zugesagt?
Helnwein: Hier stand eine Wand zur Verfügung, die sehr exponiert ist. Ich hab noch nie etwas im Zusammenhang mit der Klimaproblematik gemacht, aber das Thema liegt mir am Herzen. Ich lebe in L.A., wo die Luft so schlecht ist, dass man kaum atmen kann. Wenn ich dort mit dem Finger über meine Schreibtischplatte im Atelier fahre, ist meine Hand schwarz.
Ich glaube dass wir derzeit nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ökologische Krise erleben, und ich denke es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen.
Bekommen Sie oft Anfragen aus Österreich, hier etwas zu machen?
Helnwein: Ja, aber musste viel absagen, weil ich mit Projekten in Amerika beschäftigt war. 2006 hatte ich eine Retrospektive im Lentos Museum, und ich war ich überrascht, dass sich die Leute noch an mich erinnern. Ich lebe ja seit den frühen 80er Jahren nicht mehr hier.
An die „verlorenen Söhne“ erinnert man sich doch immer.
Helnwein: Da war ein ungeheurer Besucherandrang, ich glaube es war Museumsrekord, - und vor allem junge Leute. Leute, die meine Kinder sein könnten.
Sie verfolgen die Vorgänge in Österreich noch relativ genau?
Helnwein: Ja, vor allem über das Internet.
 
Haben Sie gewählt?
Helnwein: Nein. Ich kann derzeit gar nicht wählen, ich habe meine österreichische Staatsbürgerschaft kurzfristig verloren. Weil ich mich nicht an alle Formalitäten gehalten habe. Derzeit bin ich de jure leider ein Ausländer.
Wollen Sie wieder „Inländer“ werden?
Helnwein: Ich habe keine Panik. Meine Arbeit ist so tief verwurzelt in der österreichischen Kultur, - wo immer ich bin, ist auch Österreich. Ich werde die Staatsbürgerschaft wieder kriegen, keine Sorge.
„Ausländer“ und trotzdem hat sie ihr Freund Erwin Pröll im Vorjahr zum „Botschafter Niederösterreichs“ gemacht hat. Wie wird man das?
Helnwein: Keine Ahnung. Ich habe Erwin Pröll bei der Eröffnung meiner Donald Duck-Ausstellung im Karikaturmuseum Krems kennengelernt. Da hat er mich sehr beeindruckt, weil er einer der wenigen Politiker ist, der wirklich an Künstlern und Kunst interessiert ist. Vor allem sein außerordentlich großes Interesse für Entenhausen hat mich natürlich sehr beeindruckt.
Mir gefällt auch, was er für die Kultur in NÖ gemacht hat. Ich kenne dieses Land sehr gut, weil meine Familie daher kommt, und ich einen grossen Teil meiner Kindheit auf dem Bauernhof meiner Grosseltern im Weinviertel verbracht habe. NÖ war lange ein völlig vergessenes Agrarland im Schatten Wiens, - und kürzlich haben 280 unabhängige Experten für die Zeitschrift National Geographic die Wachau zum besten "historischen Ort" der Welt gewählt.
Was macht man als Botschafter?
Helnwein: Ich erzähle jedem wie schön es da ist. Im Sommer war ich mit meinen Kindern und einer Gruppe amerikanischer Freunde da und alle waren total beeindruckt.
Und meine Kinder haben sogar wieder ein bisschen Deutsch gelernt dabei.
Stimmt es, dass sie eine Teilrückkehr nach Österreich planen?
Helnwein: Ich habe die Verbindung ja nie abgebrochen. Mit dem Deix bin ich seit meinem 16. Lebensjahr befreundet und wir haben uns hier regelmässig getroffen. Nun überlege ich auch mir hier ein Atelier zu besorgen und zeitweise hier zu arbeiten.
Verstehen Sie, dass die Tatsache, dass Sie in einem Schloss leben oft für Aufsehen sorgt?
Helnwein:  Schlösser sind äusserst praktisch wenn man grosse Atelierräume braucht und so viele Kinder, Freunde und Tiere unterbringen muss wie ich. Hier können wir unser barockes Leben als italienische Grossfamilie leben. An unserem Tisch sitzen manchmal 20 - 25 Leute, wir hören Musik und diskutieren stundenlang und dann trinken wir Kaffee im Park. 
Das klingt fast schon romantisch.
Helnwein: Das ist  in meinem Fall die Realität. Anders könnte ich es mir gar nicht vorstellen.
der lange atem
2008




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