Helnwein ( texte )
previous-INDEX-next


Wolfgang Bauer
Poet
Museum of Lower Austria

Apokalypse, Helnwein, installation, one-man show

HELNWEIN - INSPIRATION
Schon 1963 malten ein Künstlerkollege und ich uns die schaurige Zukunft eines freischaffenden Künstlers aus. Es ging bei dem Gespräch weniger um die Finanzen als um die Notwendigkeit des sich bis ins Tiefste Fallenlassenmüssens. Ich kam damals auf die Idee, so etwas wie ein »Konditionstraining für Genies« zu erfinden. Rückblickend muß ich sagen, daß ich ganz wenige Künstler kenne, die dieses imaginäre Trainingsprogramm durchgehalten haben. Einer von ihnen ist Gottfried HeInwein.

...Helnwein hält sich gern an diversen Grenzen auf. Was hier durch will, wird von Helnwein genau geprüft. Er ist wie Goya, einer der magischen Zöllner in der Kunst. (Rousseau dagegen hielt sich stets jenseits der Grenze auf, obwohl er von Beruf wirklich ein Zöllner war!)
Wer die Ebene der Kunst betreten will, muß die Realität verstehen und vermitteln können. Helnwein ist nicht nur Künstler, er ist auch der perfekte Umsetzer. Nicht am Beginn einer Arbeit soll die sogenannte Phantasie herumquirln, nein, erst im Moment des Umsetzens, im Moment der Metamorphose darf ihre Atomkraft frei werden.


Helnweins Bilder wirken auf mich ähnlich wie die Antwort eines Kindes auf die Frage, was ein Traum sei: »Man kann nicht aus ... man kann nichts verändern.«

Leutnant Kurtz (Marlon Brando) in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now: "... das Grauen ... es ist das Grauen ..." Die Geköpften, die Wahnsinnigen, der poetisch-verzweifelte Schlächter, sie alle sind Fakten! Wie sinnlos, ihnen logisch auf den Grund zu gehen. Verderben und Unheil scheinen statische Verdauung zu sein. Es gibt kein Mittel dagegen, weil alles zugleich entsteht und auch ist. Wieviele Kriege sind durch gut gemeinte Hilfe ausgeufert. Wieviele Retter - auch im täglichen Leben - gingen beim Rettungsversuch zugrunde. Z. B.: Dalis Leibarzt starb während dessen Behandlung. Sein Kopf fiel auf die Brust des völlig verstörten Verstörers. Auch Dalis traumhaft sicherer Weg durch furchterregend-unzugänglich scheinende Welten endete hier plötzlich.

Selbst wenn auch alles zu fliessen scheint, fliesst die Grenze auch mit.

Helnwein hält sich gern an diversen Grenzen auf. Was hier durch will, wird von Helnwein genau geprüft. Er ist wie Goya, einer der magischen Zöllner in der Kunst. (Rousseau dagegen hielt sich stets jenseits der Grenze auf, obwohl er von Beruf wirklich ein Zöllner war!)
Wer die Ebene der Kunst betreten will, muß die Realität verstehen und vermitteln können. Helnwein ist nicht nur Künstler, er ist auch der perfekte Umsetzer. Nicht am Beginn einer Arbeit soll die sogenannte Phantasie herumquirln, nein, erst im Moment des Umsetzens, im Moment der Metamorphose darf ihre Atomkraft frei werden.

»Realismus« ist ein völlig wertfreier Begriff. Unter Künstlern wird Realismus oft negativ gehandelt. Sicher nur aus Angst. Dilettantisch-expressive Schmiereure verwenden das Wort vergeblich als Schutzschild gegen den mörderischen Laserstrahl der Kunst.
Nichtrealistische Kunst gibt es nicht, nur gute und schlechte gibt es. Auch ein Hans Staudacher ist im besten Sinne realistisch. Sein Spiel ist einfach real, womit er sogar, was die Arbeitszeit angeht (oft nur wenige Sekunden) den Fotografen am nächsten kommt.

Die Fotografie war ebensowenig der Tod der Malerei wie der Film der Tod des Theaters.

Ein Bild zu malen ist ähnlich kompliziert und komplex wie die chemische Herstellung des Fotopapiers, dessen Reaktion auf Licht bzw. Farbe, das Aufstellen womöglich eines Stativs, das Suchen und Abdrücken etc. Es ist alles in einem, braucht jedoch viel mehr Zeit. Wenn das Bild fertig ist, ist es sozusagen zeitlos. Es steht oder hängt vor einem als wäre es immer dagewesen. Es scheint starr wie ein Foto. Aber es ist nicht starr. Die subjektiv hineingepinselte Bewegung des Malers scheint weiter zu existieren. Der Betrachter kann sie, wenn es ein gelungenes Bild ist, für sich wiederbeleben. Aus einem Foto hingegen glotzt einen nur ein Motiv schlechthin an - was natürlich auch interessant sein kann.

Donald Duck ist an sich ein Unglücksrabe. Walt Disneys geniale Heiterkeit wird in der Verehrung Helnweins zum Dämon. Eine Traumverwandlung wie wenn gute Freunde im Traum plötzlich bedrohlich erscheinen. Alles ist eigentlich gleich, doch das Erlebensgefühl ist plötzlich ein Alp. Wer diese hohe Kunst der Verwandlung nicht versteht, kann leider nicht Helnweins Freund sein. Er wird auf dem gebohnerten Parkett der Perfektion HeInweins ausrutschen und sich schrecklich und total realistisch die Birne anhaun!

Wie viele andere Künstler sucht auch Helnwein den Abgrund. Er tut dies aber freiwillig, mit großer Lust und mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Der sich dazugesellende Humor ist genauso unschuldig und gleichzeitig hinterhältig wie der Humor der Natur. Er ist nichts anderes als die kleine Verschnaufpause während einer Dauer-Apokalypse. Dieser Humor ist jedoch nur die Droge, die es einem erlaubt, alles etwas länger zu überstehn. Paradoxerweise wird so der Humor zur eigentlichen Qual.

15. April '99. Gehe an einem Zeitungsverkäufer vorbei und sehe flüchtig das News-Cover: Ein mit Leukoplast zugepicktes Kindergesicht. Da ich denke, es sei ein Bild von Helnwein, drehe ich um und kaufe das News und sehe, daß es sich beim Kindergesicht um ein Kosovo-Opfer handelt. Im vibrierenden Vergleich mit Helnweins Pop-Art wird das Grauen immer stärker, immer leibhaftiger.

1993 wandelte ich zum wiederholten Male in Saint-Rémy auf den Spuren van Goghs. Es war ein blitzblauer Mistral-Tag, und ich war voller freudiger Schauer. Plötzlich sagte meine Frau zu mir, ich solle stehnbleiben. Sie hatte Lust auf ein Foto von mir. Ich stellte mich in den Eingang eines Hauses und grinste mit der Zigarette im Mund. Als ich mich dann umdrehte, bemerkte ich, daß ich im Eingang zu Nostradamus' Geburtshaus stand. Jetzt natürlich Glück total! Eine wahrhaftige Anti-Apokalypse!!

Jeder Tag, jeder normale Tag: ein Dauer-Dèjá-vu, bewegt von kleinen, schmatzenden Apokalypsen. Einmal begrüßte ich schon von weitem einen Freund auf der Straße. Als ich ihn, nähergekommen, umarmen wollte, war es ein anderer - eine Verwechslung. Ich bog um die Ecke, da kam er wirklich daher, mein Freund; etwa fünfzig Meter danach. Ich hatte ihn durch den Fremden schon wahrgenommen. Gegenteiliges Erlebnis: San Francisco 1984. Ein Fremder, der an einer Tankstelle sein Auto volltankte, stürzte sich auf mich, umarmte und umjubelte mich. Es war ein Amerikaner, den ich nicht kannte. Es dauerte zwei Minuten bis er sich überzeugen ließ, daß ich nicht sein alter Freund war, dem ich offensichtlich bis ins Letzte (auch die Kleidung!) ähnelte. Beim Wegfahren sah mich der Mann zweifelnd und unheimlich an. Erinnert mich alles ein wenig an die Schlawiner von Helnwein.

Schon 1963 malten ein Künstlerkollege und ich uns die schaurige Zukunft eines freischaffenden Künstlers aus. Es ging bei dem Gespräch weniger um die Finanzen als um die Notwendigkeit des sich bis ins Tiefste Fallenlassenmüssens. Ich kam damals auf die Idee, so etwas wie ein »Konditionstraining für Genies« zu erfinden. Rückblickend muß ich sagen, daß ich ganz wenige Künstler kenne, die dieses imaginäre Trainingsprogramm durchgehalten haben. Einer von ihnen ist Gottfried HeInwein.

Das Schöne an HeInweins James Dean: Er zeigt den Privatmann James Dean als Schauspieler James Dean. Er zeigt das Gefühl, das wir alle gehabt hätten, wären wir Jimmy zufällig auf dem Broadway im Regen begegnet. Er zeigt den Wunsch-Fluchtpunkt unserer und James Deans Wirklichkeit. Und diese Spekulation ist der zentrale Ausgangspunkt von Helnweins Magie.


Wolfgang Bauer, Graz, July, 1999

Gottfried Helnwein : Wolfgang Bauer liest: "Song for Helnwein"
Wolfgang Bauer liest: "Song for Helnwein" 1987
Galerie Angelika Hartmann, Stuttgart
anlässlich der Eröffnung der Helnwein Ausstellung


BOULEVARD OF BROKEN DREAMS
Song for Helnwein
Wolfgang Bauer
.
SONG FOR HELNWEIN
ZU BODEN WIRFT DER TRÄUMER DEN BLICK / SCHWERER REGEN WIRD FALLEN / DURCH SEINE AUGEN / IM SCHLENDERN / DIE ROTEN HÄNDE IN DEN RAUHEN MANTEL GEBALLT / TIEF IN DER MAGENGRUBE / FÜHRT ER DIE SONNIGEN TEMPEL / BRENNEND UNTER DEM TAGESBLAU / SPAZIEREN / ÜBER DEN
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS
GEHEN, GEHEN / SCHLURFEN IN DER DAMPFENDEN NÄSSE / DIE GESPIEGELTEN THEATERREKLAMEN WEGKICKEN / VOM GLITSCHIGEN TROTTOIR / IN DEN PEEP-SHOWS VERTROCKNEN / MENSCHEN REMPELN / AUS LIEBE / SICH DIE KÖPFE AN EISENGELÄNDERN ZERSCHLAGEN / IM MILCHIGEN KNEIPEN / DEN ZITTERNDEN KÖRPER MIT SCOTCH FÜLLEN / LÖSCHEN IRGENDWO AM /
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS


ABSCHIED VOM GRUSELKABINETT, Wolfgang Bauer und Gottfried Helnwein in der Galerie Harthan, Stuttgarter Zeitung
August 6, 1987
Feuilleton
Gerhard Hesler
Ein Könner bricht mit seinem Können: mit einem spezifisch trivialen Fotorealismus, der soviel Empörung wie Aufsehen erregte. In der Galerie Harthan zeigt er bis zum 21. November Beispiele “reiner Malerei” aus diesem Jahr, große Hochformate in Öl und Acryl. Kultivierte Farbflächen mit vielsichtiger Abtönung, aufhaltsam monochrom angelegt – Farbsplitter halten den monochromen Zusammenklang auf. Unscharfe rote, blaue und grüne Streifen fallen in ungefährer Kopf-form, eine gebänderte Fechtermaske aus samtenem Schwarz. Das wandfüllende Diptychon “Selbstportrait Nr. 15 und 16” verhält sich am ruhigsten. In farbigem Schwarz und farbigem Weißgrau erkennt man jeweils eine Kopfkontur aus einer unten angeschnürten, ovalen Schlangenlinie. Kopfparaphrasen von maßvoll radikaler Sparsamkeit, solide nuanciert.
Jedes gemalte Einzelbild steht auch in einem zyklischen Medienzusammenhang. Helnwein arbeitet mit verschiedenen Medien, er malt nicht mehr fotorealistisch (sagt aber nicht: nie mehr), aber er übermalt Fotos. Auf dem Bildzwitter “Die Auferstehung” kehrt der bandagierte Kopf wieder, mit einer Mundklammer, die wie eine verrutschte Brille aussieht. Der altbekannte Gruselkopf hat gewonnen, er ist gewissermaßen zum tragischen Porträt geläutert, mit dem aufs Fotoschwarz gemalten Goyaschwarz, oder ein Antiporträt; der Speichelfaden, der aus dem Mund tropft, fällt aus jedem Porträtrahmen.


Wolfgang Bauer, Autorenportrait

Literaturverlag Droschl

Bauer, Wolfgang, Österreich Lexikon
* 18. 3. 1941 Graz (Steiermark), Dramatiker, Verfasser von Hör- und Fernsehspielen sowie Gedichten und Erzählungen, Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Forums Stadtpark; Zusammenarbeit mit G. Falk. In seiner Frühzeit stark von der Kultur der Pop- und Rockmusik geprägt, erzielte Bauer mit "Magic Afternoon" (1968) als Provokateur der bürgerlichen Gesellschaft seinen Durchbruch. Mit teils ironischem Einsatz dramaturgischer Mittel und Sprachgebung werden gesellschaftskritische Inhalte vermittelt, teilweise auch mit Elementen des absurden Theaters. Großer Österreichischer Staatspreis 1994.


Gottfried Helnwein : Fall of the Angels
Fall of the Angels 1999
1000 cm x 700 cm
digital print
"Apokalypse", installation at the Dominican Church, Krems
Museum of Lower Austria



Wolfgang Bauer, Helnwein catalogue for "Apokalypse" exhibition 1999, Krems, Austria
1999 Wolfgang Bauer Museum of Lower Austria



ENGLISHDEUTSCHFRANCAISITALIANOESPANOLCESTINAPOLSKIRUSSIANCHINESEJAPANESE
Helnwein : texte
weitere Helnwein Sites
www.helnwein.com
www.helnwein.de
www.helnwein.fr
italia.helnwein.com
hispano.helnwein.com
cesko.helnwein.com
polska.helnwein.com
russia.helnwein.com
japan.helnwein.com
china.helnwein.com
www.helnwein.ch
www.gottfried-helnwein.ch
www.gottfried-helnwein.at
www.gottfriedhelnwein.ie
kristallnacht.helnwein.com
www.helnwein.org
www.helnwein.net
www.helnwein-museum.com
www.helnwein-music.com
www.helnwein-theater.com
www.helnwein-photography.com
www.helnwein.info
www.helnwein-archive.com
www.helnwein-archiv.de
www.helnweinreview.com
www.helnweincomic.homestead.com
NEWS [
Event Calendar
News Update
]
KÜNSTLER [
Atelier
Biografie
Ausstellungen
Sammlungen
Bibliografie
Filme
Zitate
Zitate von Helnwein
News Update
]
WERKE [
Mischtechnik auf Leinwand
Fotografie
Selbstportraits
Aquarelle
Zeichnungen
Aktionen und Installationen
Landschaften
Theater und Film
]
TEXTE [
>ausgewählte Autoren
deutsche Texte
internationale Texte
Texte von Helnwein
Zitate
Zitate von Helnwein
]
PRESSE [
ausgewählte Artikel
deutsche Presse
internationale Presse
Interviews
Internet
]
KONTAKT [
Gästebuch
E-mail
Links
]
SHOP [
www.helnwein-artstore.com
]