ausgewählte Autoren
1. Januar 1981
Botho Strauss
Texte
Helnwein, Monographie
Orac Pietsch Verlag, Wien
Paare und Passanten
Verwunderlich wäre es, doch nicht mehr undenkbar, wenn eines fernen Tages, aus der Anderen Zeit heraus, das deutsche Dritte Reich nicht mehr vornehmlich nach seinem blutigen Formgefühl beurteilt würde, mit dem es die Schrecken der Diffusioo im ersten Massenzeitalter beseitigte, sondern vielmehr erinnert würde als das erste, alles in die Verirrung treibende Beben, als der Erste Ruck vor dem langsam gewaltigen Aufbruch in eine "geschichtslose" statische Epoche.
Ein Mann in einem grauen, zu kurzen Anzug, der im Restaurant allein am Tisch sitzt, ruft plötzlich "Psst!" in die dahinplappernde Menge der Gäste, so laut, daß alle, nachdem er dies zweimal wiederholt hat, zu seinem Tisch hinblicken und das Stimmengewoge stockt, beinahe versickert und nach einem letzten, kräftigen "Psst!" des Mannes endlich einer Totenstille weicht.
Der Mann hebt den Finger und sieht horchend zur Seite und alle anderen horchen mit ihm still zur Seite. Dann schüttelt der Mann den Kopf: nein, es war nichts. Die Gäste rühren sich wieder, sie lachen albern und uzen den Mann, der sie zu hören ermahnte und die gemischteste Gesellschaft in eine einträchtig hörende Schar verwandelt hatte, wenn auch nur für Sekunden.
"Sir?", 1977 (ink on paper drawing by Helnwein)
Ein amerikanischer Soldat, der 1949 desertierte, hatte fast dreißig Jahre in Westberlin versteckt gehalten. Seinen Unterschlupf fand er in der Wohnung seiner deutschen Freundin, die ihn auch versorgte und gegen die Außenwelt abschirmte. Bis sie starb. Nur das Fernsehen und die Erzählungen der Freundin vermittelten ihm Eindrücke von einer sich sprunghaft verändernden Wirklichkeit. Nicht einmal auf den Balkon hinaus hat er sich getraut. So wenig waren ihm die Alltäglichkeiten seiner Umgebung bekannt, daß er nach dem Verlassen seiner Klause, als er die Polizei anrufen wollte, um sich endlich als Deserteur zu stellen, mit dem Telefonieren in einem deutschen Münzfernsprecher nicht zurechtkam. Er wußte einfach nicht, wie man das macht. Er mußte es sich von einem Passanten zeigen lassen.
"Zwei Amerikaner", 1972 (ink on paper drawing by Helnwein)
Ich sah aus dem Auto in eine Passantenschar, die die Kreuzung überquerte, die geliebte N., mit der ich - einst! Seinerzeit! Damals! - gut drei Jahre lang die gemeinsamen Wege ging, sah sie über die Fahrbahn schreiten und auf irgendeine Kneipe zuhalten. Ihr Kopf, ihr braunes gescheiteltes Kraushaar. Und das ist dieselbe, die ich im Tal von Pefkos auf Rhodos, als wir von verschiedenen Enden des Weges über die Felshügel einander entgegengingen, so bang erwartet habe, in Sorge, es könne sie jemand vom Wegrand her angefallen und belästigt haben, da sie nicht und nicht erschien am Horizont. Das ist dieselbe Geliebte. Im halben Profil flüchtig erblickt, indem sie dahinging und ich vorbeifuhr. Mir ein unfaßliches Gesetz, das so Vertraute wieder in Fremde verwandelt. Verfluchte Passanten-Welt!
"Ja, Ihr zwei!" (2), 1972 (ink on paper drawing by Helnwein)
Verwunderlich wäre es, doch nicht mehr undenkbar, wenn eines fernen Tages, aus der Anderen Zeit heraus, das deutsche Dritte Reich nicht mehr vornehmlich nach seinem blutigen Formgefühl beurteilt würde, mit dem es die Schrecken der Diffusioo im ersten Massenzeitalter beseitigte, sondern vielmehr erinnert würde als das erste, alles in die Verirrung treibende Beben, als der Erste Ruck vor dem langsam gewaltigen Aufbruch in eine "geschichtslose" statische Epoche.
Das Grubenunglück, 1977 (ink on paper drawing by Helnwein)




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