1. Januar 1999
Wolfgang Bauer
Poet
Museum of Lower Austria
Apokalypse, Helnwein, installation, one-man show
Helnwein - Inspiration
Schon 1963 malten ein Künstlerkollege und ich uns die schaurige Zukunft eines freischaffenden Künstlers aus. Es ging bei dem Gespräch weniger um die Finanzen als um die Notwendigkeit des sich bis ins Tiefste Fallenlassenmüssens. Ich kam damals auf die Idee, so etwas wie ein »Konditionstraining für Genies« zu erfinden. Rückblickend muß ich sagen, daß ich ganz wenige Künstler kenne, die dieses imaginäre Trainingsprogramm durchgehalten haben. Einer von ihnen ist Gottfried HeInwein. ...Helnwein hält sich gern an diversen Grenzen auf. Was hier durch will, wird von Helnwein genau geprüft. Er ist wie Goya, einer der magischen Zöllner in der Kunst. (Rousseau dagegen hielt sich stets jenseits der Grenze auf, obwohl er von Beruf wirklich ein Zöllner war!) Wer die Ebene der Kunst betreten will, muß die Realität verstehen und vermitteln können. Helnwein ist nicht nur Künstler, er ist auch der perfekte Umsetzer. Nicht am Beginn einer Arbeit soll die sogenannte Phantasie herumquirln, nein, erst im Moment des Umsetzens, im Moment der Metamorphose darf ihre Atomkraft frei werden.
Helnweins Bilder wirken auf mich ähnlich wie die Antwort eines Kindes auf die Frage, was ein Traum sei: »Man kann nicht aus ... man kann nichts verändern.«
Leutnant Kurtz (Marlon Brando) in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now: "... das Grauen ... es ist das Grauen ..." Die Geköpften, die Wahnsinnigen, der poetisch-verzweifelte Schlächter, sie alle sind Fakten! Wie sinnlos, ihnen logisch auf den Grund zu gehen. Verderben und Unheil scheinen statische Verdauung zu sein. Es gibt kein Mittel dagegen, weil alles zugleich entsteht und auch ist. Wieviele Kriege sind durch gut gemeinte Hilfe ausgeufert. Wieviele Retter - auch im täglichen Leben - gingen beim Rettungsversuch zugrunde. Z. B.: Dalis Leibarzt starb während dessen Behandlung. Sein Kopf fiel auf die Brust des völlig verstörten Verstörers. Auch Dalis traumhaft sicherer Weg durch furchterregend-unzugänglich scheinende Welten endete hier plötzlich.
Selbst wenn auch alles zu fliessen scheint, fliesst die Grenze auch mit.
Helnwein hält sich gern an diversen Grenzen auf. Was hier durch will, wird von Helnwein genau geprüft. Er ist wie Goya, einer der magischen Zöllner in der Kunst. (Rousseau dagegen hielt sich stets jenseits der Grenze auf, obwohl er von Beruf wirklich ein Zöllner war!)
Wer die Ebene der Kunst betreten will, muß die Realität verstehen und vermitteln können. Helnwein ist nicht nur Künstler, er ist auch der perfekte Umsetzer. Nicht am Beginn einer Arbeit soll die sogenannte Phantasie herumquirln, nein, erst im Moment des Umsetzens, im Moment der Metamorphose darf ihre Atomkraft frei werden.
»Realismus« ist ein völlig wertfreier Begriff. Unter Künstlern wird Realismus oft negativ gehandelt. Sicher nur aus Angst. Dilettantisch-expressive Schmiereure verwenden das Wort vergeblich als Schutzschild gegen den mörderischen Laserstrahl der Kunst.
Nichtrealistische Kunst gibt es nicht, nur gute und schlechte gibt es. Auch ein Hans Staudacher ist im besten Sinne realistisch. Sein Spiel ist einfach real, womit er sogar, was die Arbeitszeit angeht (oft nur wenige Sekunden) den Fotografen am nächsten kommt.
Die Fotografie war ebensowenig der Tod der Malerei wie der Film der Tod des Theaters.
Ein Bild zu malen ist ähnlich kompliziert und komplex wie die chemische Herstellung des Fotopapiers, dessen Reaktion auf Licht bzw. Farbe, das Aufstellen womöglich eines Stativs, das Suchen und Abdrücken etc. Es ist alles in einem, braucht jedoch viel mehr Zeit. Wenn das Bild fertig ist, ist es sozusagen zeitlos. Es steht oder hängt vor einem als wäre es immer dagewesen. Es scheint starr wie ein Foto. Aber es ist nicht starr. Die subjektiv hineingepinselte Bewegung des Malers scheint weiter zu existieren. Der Betrachter kann sie, wenn es ein gelungenes Bild ist, für sich wiederbeleben. Aus einem Foto hingegen glotzt einen nur ein Motiv schlechthin an - was natürlich auch interessant sein kann.
Donald Duck ist an sich ein Unglücksrabe. Walt Disneys geniale Heiterkeit wird in der Verehrung Helnweins zum Dämon. Eine Traumverwandlung wie wenn gute Freunde im Traum plötzlich bedrohlich erscheinen. Alles ist eigentlich gleich, doch das Erlebensgefühl ist plötzlich ein Alp. Wer diese hohe Kunst der Verwandlung nicht versteht, kann leider nicht Helnweins Freund sein. Er wird auf dem gebohnerten Parkett der Perfektion HeInweins ausrutschen und sich schrecklich und total realistisch die Birne anhaun!
Wie viele andere Künstler sucht auch Helnwein den Abgrund. Er tut dies aber freiwillig, mit großer Lust und mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Der sich dazugesellende Humor ist genauso unschuldig und gleichzeitig hinterhältig wie der Humor der Natur. Er ist nichts anderes als die kleine Verschnaufpause während einer Dauer-Apokalypse. Dieser Humor ist jedoch nur die Droge, die es einem erlaubt, alles etwas länger zu überstehn. Paradoxerweise wird so der Humor zur eigentlichen Qual.
15. April '99. Gehe an einem Zeitungsverkäufer vorbei und sehe flüchtig das News-Cover: Ein mit Leukoplast zugepicktes Kindergesicht. Da ich denke, es sei ein Bild von Helnwein, drehe ich um und kaufe das News und sehe, daß es sich beim Kindergesicht um ein Kosovo-Opfer handelt. Im vibrierenden Vergleich mit Helnweins Pop-Art wird das Grauen immer stärker, immer leibhaftiger.
1993 wandelte ich zum wiederholten Male in Saint-Rémy auf den Spuren van Goghs. Es war ein blitzblauer Mistral-Tag, und ich war voller freudiger Schauer. Plötzlich sagte meine Frau zu mir, ich solle stehnbleiben. Sie hatte Lust auf ein Foto von mir. Ich stellte mich in den Eingang eines Hauses und grinste mit der Zigarette im Mund. Als ich mich dann umdrehte, bemerkte ich, daß ich im Eingang zu Nostradamus' Geburtshaus stand. Jetzt natürlich Glück total! Eine wahrhaftige Anti-Apokalypse!!
Jeder Tag, jeder normale Tag: ein Dauer-Dèjá-vu, bewegt von kleinen, schmatzenden Apokalypsen. Einmal begrüßte ich schon von weitem einen Freund auf der Straße. Als ich ihn, nähergekommen, umarmen wollte, war es ein anderer - eine Verwechslung. Ich bog um die Ecke, da kam er wirklich daher, mein Freund; etwa fünfzig Meter danach. Ich hatte ihn durch den Fremden schon wahrgenommen. Gegenteiliges Erlebnis: San Francisco 1984. Ein Fremder, der an einer Tankstelle sein Auto volltankte, stürzte sich auf mich, umarmte und umjubelte mich. Es war ein Amerikaner, den ich nicht kannte. Es dauerte zwei Minuten bis er sich überzeugen ließ, daß ich nicht sein alter Freund war, dem ich offensichtlich bis ins Letzte (auch die Kleidung!) ähnelte. Beim Wegfahren sah mich der Mann zweifelnd und unheimlich an. Erinnert mich alles ein wenig an die Schlawiner von Helnwein.
Schon 1963 malten ein Künstlerkollege und ich uns die schaurige Zukunft eines freischaffenden Künstlers aus. Es ging bei dem Gespräch weniger um die Finanzen als um die Notwendigkeit des sich bis ins Tiefste Fallenlassenmüssens. Ich kam damals auf die Idee, so etwas wie ein »Konditionstraining für Genies« zu erfinden. Rückblickend muß ich sagen, daß ich ganz wenige Künstler kenne, die dieses imaginäre Trainingsprogramm durchgehalten haben. Einer von ihnen ist Gottfried HeInwein.
Das Schöne an HeInweins James Dean: Er zeigt den Privatmann James Dean als Schauspieler James Dean. Er zeigt das Gefühl, das wir alle gehabt hätten, wären wir Jimmy zufällig auf dem Broadway im Regen begegnet. Er zeigt den Wunsch-Fluchtpunkt unserer und James Deans Wirklichkeit. Und diese Spekulation ist der zentrale Ausgangspunkt von Helnweins Magie.
Wolfgang Bauer, Graz, July, 1999
Wolfgang Bauer liest: "Song for Helnwein"
1987
Fall of the Angels
digital print, 1999, 1000 x 700 cm / 393 x 275''




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